Was ist das für ein Ort, von den Holländern einst harmlos Kanincheninsel getauft? Nicht mehr als ein schmaler Sandstreifen im Süden Brooklyns, der alle Konjunkturen New Yorks überlebt und sich deren Wahrzeichen ungerührt einverleibt hat, verrostete Relikte nun, baufällige Häuser, Schilder, Tafeln, Fotografien, in denen sich die Zeiten so seelenruhig überlappen wie die Wellen, die an Land schlagen.

Von den drei Hotels der High Society, die zur vorletzten Jahrhundertwende hier aufragten wie gestrandete Dampfer, ist nichts geblieben als ein vergilbtes Badehäuschen. In der »Clam«-Bar, einer Strandbude mit Windfang und von Salz zerfressenem Inventar, hängen die Reproduktionen der großen Schaumeile, die das Publikum anzog: die sonnenbeschirmten Damen mit ihren Kofferträgern vor dem Portal des Brighton Beach; die Besucher der Casinos und der Pferderennbahn, schon die Halbwelt darunter. Und dann das Aus: geschlossene Etablissements, verwaiste Tribünen. Die kurze Handbewegung des Mannes hinter der Bar signalisiert Spekulation, Korruption. »Das Dreamland-Feuer«, sagt der Gast in der groß karierten Jacke, »das hat die reichen Leute verjagt. Und der Löwe. Sie haben den Löwen, der damals ausgebrochen ist, erst neulich gefunden, haben seine Knochen irgendwo ausgebuddelt, hundert Jahre alt. Und er war das größte Exemplar, das es je auf Gottes Erdboden gegeben hat!«

Zwischen Neugier und Hypnose

Was ist das Traumland gewesen? Ein riesiges Areal von Weltwundern, von verwegenen Karussells, dressierten Tieren und Monstern, von den Massen bestaunt, die sich aus dem F-Train nach Coney Island ergossen, ihre Gemüter an den Horrorsensationen erhitzten, um sie gleich darauf im Meer wieder abzukühlen. Ein Zustrom, der in den vierziger und fünfziger Jahren seinen Zenit erreichte, als knapp eine Million Menschen sich sonntags an diesem Strand verknäuelten, buchstäblich, ohne Platz zu haben, ein Handtuch unter sich auszubreiten.

Keine Rezession vermochte die Vergnügungssucht zu dämpfen. Auf eine ganz eigene Weise traf sich die Neugier der Städter, die zum Schauen kamen, mit der Hypnose der russischen und polnischen Emigranten, die in einem endlosen Strom über das Meer gekommen und am äußersten Zipfel des Sandstreifens ansässig geworden waren und die nur eines verband: am Ufer angelangt, ein besseres Leben zu führen, und das hieß ein Leben der Moderne.

Den Boardwalk entlang, der damals erst zwei Kilometer lang war, trabt der Kabbalist vom East Broadway alias Isaac B. Singer und wundert sich. Erfahrungs- und diskussionssüchtig, aber auch ausgestattet mit realem Hunger, von dem er nicht weiß, wie er zu stillen ist, legt er von seinem möblierten Zimmer in Sea Gate los, passiert die Schausteller des Lunaparks, die Wahrsagerbuden und Gruselkabinette und gerät am östlichen Brighton Beach in die hitzigen Debatten seiner Landsleute. Vorbei an Verkäufern von Wassermelonen und Eiscreme, riskiert er den Blick in die dunklen Ecken der Schaubuden, sieht einen Astrologen mit Turban neben einer Frau, die halb ein Fisch ist, sieht tanzende Pygmäen und Kettenmonster, mechanische Affen und Höllenfeuer. »Ich vergeudete meine Zeit mit Träumen, Sorgen und leeren Phantastereien und verstrickte mich in Sachen, die keine Zukunft hatten«, notiert er, ganz rationale Aufklärung, in sein Tagebuch.

Übrig geblieben vom Schein der Neuen Welt, ihrer Fälschungen in Spiegelgärten und Absurditätenkabinetten, von den unbegrenzten Möglichkeiten der technischen Erfindungen und den Katastrophen ist der Aussichtsturm. Von der Weltausstellung in Philadelphia nach Coney Island transportiert, galt er mit seinen 100 Metern Höhe als Wunder der Baukunst.