Blüm: Guten Morgen Herr Kapérn.

Kapérn: Herr Blüm, Sie haben sich im Umfeld der Hilfsorganisation Kap Anamur im Norden Afghanistans umgesehen. Wo denn genau?

Blüm: In der Provinz Tahar. Das ist auch eine Provinz, die sehr unter dem Krieg gelitten hat; das geht ja schon über zwei Jahrzehnte - das darf man nicht vergessen - mit wechselnden Kriegsherren. Sowjets sind da drübergegangen, die Nordallianz war da, hier war auch eine der Hauptkampflinien mit den Talibans - also eine Bevölkerung, die viel gelitten hat.

Kapérn: Wie ist denn die Situation dort, denn wir erhalten hier ja in Deutschland täglich Nachrichten aus Kabul, aber aus der Provinz wissen wir eigentlich gar nicht so recht, was sich dort tut.

Blüm: Ja, Herr Kapérn, das halte ich auch für die große Gefahr. Der Lichtkegel der öffentlichen Aufmerksamkeit ist jetzt auf Kabul gerichtet, aber Afghanistan ist groß und Afghanistan ist nicht Kabul. Die Gefahr ist, dass das flache Land oder die hohen Berge - jedenfalls die kabulfernen Gegenden vergessen werden. Da leben Menschen, und die in großer Not. Deshalb dürfen die nicht vergessen werden. Ich meine, auch wenn jetzt die Bundeswehr nach Kabul kommt und andere Schutztruppen: Die sind in Kabul. Was machen wir eigentlich, wenn wieder Auseinandersetzungen beginnen außerhalb von Kabul? Ist es nicht geradezu eine Einladung, dort wieder Feuer anzustecken, wenn man in Kabul keinen Spielraum mehr für Gewalt hat? Mit anderen Worten: Vergesst die entlegenen Provinzen in Afghanistan nicht.

Kapérn: Beschreiben Sie unseren Hörern und Hörerinnen doch noch mal, Herr Blüm, was Sie dort gesehen haben. Sie haben gesagt, die Menschen leben in unvorstellbarer Not. Was heißt das konkret?

Blüm: Ja, man muss sich das so vorstellen: Die Dörfer sind zerstört, teils verlassen. Ein Teil ist aber auch schon wieder zurückgekehrt. Krankenhäuser sind dem Erdboden gleichgemacht, Wege und Straßen zerstört. Und dennoch - das ist dir Rückseite der Medaille und was ich bewundere: Ein ungeheurer Selbstbehauptungswille der Bevölkerung, die nicht die Hände in den Schoß legt. Ich meine, woher nehmen die eigentlich die Kraft - nach so viel Kriegsleid? Die Bauern auf den Feldern mit ihren Ochsen pflügen, viele Menschen richten die Straßen her. Ich habe gesehen, wie sie ihre Hütten wieder aufbauen, den Schutt aus den Schulen räumen. Aber allein werden sie es nicht schaffen, sie brauchen Hilfe.