Die Bemühungen der spanischen Zentralregierung sind verständlich, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass die Ereignisse des 11. September keinerlei Auswirkungen auf das mörderische Handwerk der Eta haben. In den Wochen seit den Anschlägen in New York und Washington sind in Spanien von der baskischen Untergrundorganisation drei Menschen umgebracht worden. Darüber hinaus gab es mindestens zwei weitere Attentatsversuche. Die letzten Opfer waren Ende vergangenen Jahres ein angesehener Richter im Baskenland - er wurde erschossen, als er gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn aus der Garage seines Hauses kam - sowie zwei Mitglieder der Ertzaintza, der Polizei im autonomen Baskenland. Diese beiden, ein Mann und eine Frau, regelten in einer baskischen Kleinstadt gerade den Verkehr, als ein Killerkommando der Eta, ebenfalls ein Mann und eine Frau, sie erschoss. Die Tatsache, dass im Fall der Polizistin zum ersten Mal Opfer wie Täter weiblichen Geschlechts waren, verlieh diesem Verbrechen in den Augen der spanischen Öffentlichkeit eine zusätzliche erschreckende Dimension.

Das alles geschieht in einer reichen und entwickelten Region Europas, die über das größte Ausmaß an Selbstverwaltung innerhalb der Europäischen Union verfügt. Im März 2001 fanden dort Regionalwahlen statt, in denen die Partei der Baskischen Nationalisten (Partido Nacionalista Vasco, PNV) nach einer deutlichen Absage an die Gewalt einen knappen, aber wichtigen Sieg errangen. In derselben Wahl stürzte die Partei Batasuna auf etwa zehn Prozent ab, ihr bisher schlechtestes Ergebnis. Dies zeigt, wie sehr die Basken die terroristische Gewalt satt haben. Es gibt nicht einmal eine messbare Mehrheit für die vollständige Unabhängigkeit des Baskenlandes (unter Einschluss des französischen Baskenlandes), wie die radikalen Nationalisten sie fordern. Die regierende PNV verhält sich dazu bewusst ganz ambivalent und kokettiert mit einem der Unabhängigkeit lediglich ähnlichen, vagen Modell, das sie autodeterminación (Selbstbestimmung) nennt.

Wie kommt es aber dann, dass der Terrorismus unverändert wie ein Krebsgeschwür alle Fasern der baskischen Gesellschaft durchdringt und darüber hinaus das restliche Spanien? Gibt es irgendetwas, was gerade in diesem Moment der internationalen Zusammenarbeit gegen den Terrorismus die Flucht der Eta nach vorn rechtfertigt?

Die Schule der Gewalt

Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen gelangen wir zu den vertrauten Pathologien des Fundamentalismus. Der britische Historiker Arnold Toynbee sagte vor einem halben Jahrhundert, der Nationalismus sei das wenige, was von der Religion in unseren Tagen übrig geblieben sei. Mit Blick auf die bis heute wirksame Kraft und Hartnäckigkeit des Religiösen müsste man diese Feststellung wohl in andere Begriffe kleiden: Der nationalistische Fundamentalismus ist das Gegenstück zum religiösen Fundamentalismus. An die Stelle der fanatischen Gefolgschaft bestimmter religiöser Strömungen muss man bloß die nicht weniger fanatische Anbetung einer idealisierten Vorstellung der Nation setzen. Die ethnische Gemeinschaft, genauso wie die absolut gesetzte Religion, erscheint in dieser Perspektive als überlegen, als Träger bestimmter unabänderlicher Wahrheiten und Werte, die nicht Gegenstand politischer Verhandlungen sein kann. Man akzeptiert sie, oder man akzeptiert sie nicht. Im letzteren Fall legitimiert dies, der Logik des Fanatismus folgend, die Anwendung von Gewalt. Hier enden die Analogien aber noch nicht. Dieses autistische Verhalten wird nur dadurch möglich, dass man über eine gut organisierte Gemeinschaft der Gläubigen verfügt, die zur ständigen Unterstützung der Gemeinschaft der Aktivisten bereit ist. Sie bildet das Reservoir für die ständige Erneuerung des Eta-Nachwuchses.

Ohne die zuverlässige Unterstützung durch eine gut organisierte Subkultur ist das Überleben des Terrorismus gar nicht vorstellbar. Die Welt des radikalen baskischen Nationalismus beruht auf dem schon erwähnten "Fachwerk" aus zahlreichen Unterstützerorganisationen, von denen viele in den Behörden der Städte und der Regionalverwaltung verankert sind. Hier wachsen die Propagandastrategien zur Legitimierung der Gewalt; hier wirkt das Netzwerk, das die Gefangenen aus der Eta - die Etarras - und deren Familien moralisch und wirtschaftlich unterstützt; hier besteht der unverzichtbare soziale und geistige Zusammenhalt, in dem gemeinsame Überzeugungen gefestigt werden, so schwachsinnig sie auch sein mögen, oder Zweifel zerstreut werden, sobald welche auftreten. Dies ist auch die unerschöpfliche Quelle, aus der sich die terroristische Organisation speist und desgleichen die kale borroka, also all jene "Straßengewalt", mit der die Jugendorganisationen der Eta praktisch jedes Wochenende die baskischen Städte überziehen. Aus dieser "Schule der Gewalt", die sich aus den Jugendorganisationen der Batasuna und anderen, ihnen nahe stehenden Gruppen zusammensetzt, kommen immer neue Etarras. Von der früheren Generation der Eta-Mitglieder unterscheidet sich die neue Generation durch ihre Jugend, ihre Arroganz und - durch noch größere Grausamkeit und Kälte.

Was ihnen aber fehlt, sind die Fähigkeit zur politischen Analyse und die Bereitschaft, im Untergrund zu leben wie ihre Vorgänger. Innerhalb eines Jahres wurden mehr als hundert Etarras oder Personen, die mit der Bande zusammenarbeiteten, festgenommen. Außerdem sind viele von ihnen beim Hantieren mit Sprengstoff zu Tode gekommen. Noch vor wenigen Jahren passierte das kaum. Ein Teil dieser Festnahmen geht zurück auf eine effizientere Polizeiarbeit - wie die Einrichtung einer mobilen Spezialeinheit der Ertzaintza gegen den Straßenterror - und besseres Zusammenwirken mit den französischen Behörden, zweifellos aber auch auf die geringere "Professionalität" der Täter.