Wenn man heutzutage Warten auf Godot sieht, ist es, als beobachte man ein Naturschauspiel am Abendhimmel, von dem schon unsere Ahnen erzählt haben und das noch andauern wird, wenn wir längst dahin sind: das Flackern der Hoffnung. Becketts Wladimir und Estragon sind die ewigen Kometen des modernen Theaters, im Erlöschen gebannt, im Sinken geborgen, im Abwinken unsterblich.

Becketts Welt ist eine Quelle des Trostes. Man ist darin der Zeit enthoben und der Qual aller Erwartung. Wer Beckett spielt, hat ihn nötig.

Im Bochumer Schauspielhaus hat Matthias Hartmann, genau 49 Jahre und einen Tag nach der Pariser Uraufführung, den Godot in einer Klassikeraufmachung neu herausgebracht. Die nächtliche Bühne (Karl-Ernst Herrmann) ist umfangen von einem Goldrahmen und im Parkett abgesperrt mit einer Kordel, als müsse hier ein nichtversicherbares Gemälde vor gierigen Pfoten und vor Säureattentaten bewahrt werden. Das Museum steht unter dem Schutz eines berühmten Mannes. Als Agent bürgerlicher Bildung hat Harald Schmidt abseits seiner Show bisher nur einführende Texte für Bach-CD-Booklets geschrieben; in den Godot führt er nun mit ganzem Einsatz ein; er geht selbst ins Spiel. Im Fernsehen war er stets der Master in der Mitte, der die Randfiguren erniedrigt (den armen Feuerstein, den Fahrer Üzgür, den unsichtbaren Horst). Auf der Bühne, als Becketts Lucky, der Sklave mit dem wund gescheuerten Hals, ist er selbst die unterste, von Master Pozzo (Fritz Schediwy) gescheuchte Randfigur: eine blutende Wuzzn. Schmidt spielt gebückt, als stehe er unter einer Dusche aus Geifer; ist dies der Bühnenbußgang für alles, was er im TV getan hat? Er schlurft dahin, den nächsten Schlag erwartend, und man meint, einen Leuchtglobus von Ikea auf seinen Schultern zu sehen. Schmidt, der nur zwei öffentliche Gesichter hat, das schelmische und das verhärmte, stellt sich ganz in den Dienst der Partitur: Er weint, wenn er soll. Er wirkt unter den Berufsspielern wie ein Albatros, groß, langsam, gefangen. Man spürt auch hier den ungelenken Klassenlulatsch, der in der Pause die Polonaise anführt, den Unbeholfenen, der die Ordnung braucht, um auf- und auszufallen. Als Pozzo ihm befiehlt zu tanzen, erfindet Lucky die Nahkampf-eurythmie, und Luckys sinnloser Monolog über die Welt ist, von Schmidt gesprochen, ein Echo aus den Zeiten, da auf den Jahrmärkten faule Zähne gezogen und Strafen verhängt wurden: Hier steht ein Mann und stellt sich bloß. Er liebt Prangersituationen, er zeigt lüstern all das, was er nicht kann und was ihm zum Glück fehlt. In Luckys stolzem Jammer schwingt etwas urtümlich Schmidthaftes mit: die Nacktheit des sich selbst entlarvenden Hochstaplers, des, mit Beckett gesprochen, genialen Not-Canner.

Denn natürlich, es umgeben ihn Spieler, die Register ziehen können. Unterm Wladimir des Michael Maertens brennt die Hölle, unterm Estragon des Ernst Stötzner gähnt das Nichts. Maertens gibt das ruhelose Irrlicht mit der verrissenen, überschnappenden Stimme, den Verzweiflungsfeuerwerker, der keine Sekunde ruhig ist, weil Ruhe ihn an den Tod erinnert. Stötzner ist der gemütliche Karussellbremser, der überall einschlafen kann und dem es egal ist, dass er auf einer Erde liegt, die ihn einst verschlingen wird.

In den Bühnengoldrahmen hineingehängt ist eine Art Laufsteg, der sich als Wippe entpuppt: Mal neigt er sich gefährlich nach links, mal nach rechts. Der Steg schwebt in einigen Metern Höhe, und eine mickrige Weide sprießt aus der Bühnenmitte. Unter dem Bäumchen, ins offene Nichts, hängt ein Wurzelballen. So sind Wladimir und Estragon allseitig von Abgründen umgeben, dem des Himmels und dem der Erde. Und die Himmelsbewegungen erinnern an das Geschehen im Sichtfenster eines Spielautomaten, in dem sich Sonne und Mond abwechseln.Das Universum ist auf Sandkastengröße heruntergebracht: Wenn Estragon sich einen Schritt zu weit von Wladimir wegwagt, ist er schon fast verschollen. Und da der Tod bei Beckett immer nur einen Moment entfernt ist, gibt es hier auch keinen Unterschied zwischen einer Minute und einer Ewigkeit.

Hartmann hat den Godot erweckt wie ein Gemälde. Und es stellt sich heraus, dass die Stummfilm-Clochards in ihrem goldenen Rembrandt-Rahmen nichts so sehr wünschen wie das Verschwinden. Sie wollen sich in den Tod retten, aber zur Unsterblichkeit sind sie verdammt, zur ewigen Suche nach dem Strick.

"Dass wir unsere Unsterblichkeit ertragen könnten - das wäre das Höchste", hat Nietzsche gesagt. Der Entertainer Harald Schmidt lässt jeden Morgen einen Zettel an die Eingangstür seiner Produktionsfirma hängen, auf dem verzeichnet ist, wie viele 14- bis 49-Jährige seine Show am Vorabend gesehen haben. Ist es ein Wunder, dass Luckys Unsterblichkeit ihn so anzieht?