Der Hubschrauber ist das Signal zum Aufbruch. Jeden Morgen um kurz vor neun zieht der graue Armeehelikopter langsam vom Belfaster Stadtzentrum hinauf in den Himmel des nördlichen Stadtteils Ardoyne. Dort dreht ein paar enge Kreise über den Dächern der dicht gedrängten Reihenhäuser. Die Mütter und Väter, die noch nicht mit ihren Töchtern auf dem Weg zur katholischen Holy-Cross-Schule sind, wissen jetzt, dass sie losgehen müssen. Mit dunkel sirrendem Rotorengeräusch postiert sich der Hubschrauber über der Ardoyne Road. Als fliegendes Auge über einer Straße, die jeden Moment zum Schlachtfeld werden könnte.

Schwer bewaffnete Polizisten öffnen eine Stahlbarriere, die den Zugang zur Straßenmitte verschließt. Das Spießrutenlaufen entlang der protestantischen Häuserlinie kann beginnen. Die probritischen Bewohner der Ardoyne Road, die monatelang Tag für Tag die katholischen Grundschülerinnen beschimpften und bespuckten, sie mit Stinkbomben und Hundekot bewarfen oder ihnen Pornobilder entgegenstreckten, stehen heute schweigend am Straßenrand. Sie haben ein Todesopfer zu beklagen: den 16 Jahre alte Protestanten Glen Branagh. Er wollte während eines Scharmützels mit jungen irischen Nationalisten gerade eine Rohrbombe in die gegnerische Menge werfen, als sie in seiner Hand explodierte. Sie riss Branagh den rechten Arm ab und zerfetzte sein Gesicht. Kurze Zeit später starb er im Krankenhaus.

"Der Frieden hat uns vergessen", sagt Lisa Irvine. Sie ist eine der katholischen Mütter von Ardoyne, die ihre Tochter jeden Tag an der Hand zur Schule geleitet und später wieder nach Hause. Zweimal täglich 300 Meter vorbei an 400 Polizisten und Soldaten mit Maschinengewehren. Die Sicherheitskräfte bleiben vorsichtshalber dort, auch wenn die Protestierer sich vorerst zurückgezogen haben. Wie niemand sonst in Nordirland haben die 8000 Einwohner von Ardoyne seit 1969 den Schrecken der troubles erlebt. Gut ein Viertel der 3500 Todesopfer des Konflikts stammen aus dem Einmeilenradius des Stadtteils. "Ich habe gesehen, wie Leute vor meiner Haustür erschossen, wie Soldaten in die Luft gejagt wurden", erzählt die 34-jährige Lisa Irvine. Ihr hübsches, mädchenhaftes Gesicht changiert zwischen Müdigkeit und Nervosität. "Ich will nicht, dass meine Tochter das alles noch mal durchmachen muss."

Lisas Angst ist berechtigt. Denn nicht nur der Kleinkrieg entlang der Ardoyne Road reißt in Nordirland alte Wunden auf. Die neuen britischen Antiterrorgesetze, nach dem 11. September ursprünglich dazu gedacht, islamistische "Schläfer"-Zellen unschädlich zu machen, sollen nach dem Willen unionistischer Politiker nun auch helfen, die leidigen Splittergruppen der Irisch-Republikanischen Armee zu zerschlagen, die noch immer für ein vereintes Irland bomben und töten. Die neuen Notstandsgesetze erlauben es, Asylbewerber und Ausländer auch ohne Gerichtsurteil bis zu sechs Monate zu inhaftieren, wenn sie des Terrorismus verdächtig sind. Obwohl das Gesetz ausschließlich von "internationalen Terroristen" spricht, soll es nach Auskunft des britischen Innenministeriums ebenfalls ermöglichen, mutmaßliche IRA-Mitglieder aus Belfast oder Derry zu internieren - immerhin britische Staatsbürger. Eine möglicherweise fatale Absicht. Denn die Aktivisten der "Real IRA" oder der "Continuity IRA" betrachten das Sicherheitspaket der Londoner Regierung als erneute Kriegserklärung an die irischen Rebellen. Schon 1971 hatte die britische Regierung geglaubt, mit eigens erlassenen Notstandsgesetzen und Internierungen von mutmaßlichen IRA-Leuten die Unruhen in der Provinz in den Griff zu bekommen. Tatsächlich passierte das Gegenteil: Die inkriminierenden Massenfestnahmen gaben der irisch-republikanischen Bewegung ungeheuren Auftrieb.

"Was heißt hier Gewalt?" Declan, der seinen Nachnamen nicht nennen mag, will von diesem Begriff nichts wissen. "Gewalt sind solche Dinge wie Mord oder Vergewaltigung. Uns geht es um legitimen Widerstand. Und nichts anderes ist der bewaffnete Kampf." Ein fensterloses, quadratisches Hinterzimmer in der katholischen Falls Road. Links und rechts eine Tür, in der Mitte ein lang gestreckter Tisch. Dahinter, an der Wand, eine ordentlich drapierte irische Nationalflagge, eingerahmt von schwarzweißen Porträtfotos. Eine Galerie von Volkshelden - oder von Schwerverbrechern, je nach Standpunkt. Eines der Bilder zeigt David O'Connell, in den siebziger Jahren einer der Gründer der Provisional IRA. 1986 formte O'Connell zusammen mit anderen Hardlinern die Splittergruppe "Continuity IRA", die fortdauernde IRA. Die Provisional IRA war ihnen zu prinzipienschwach und kompromissbereit geworden. Die "Provos" erklärten 1997 einen Waffenstillstand. Die Continuity IRA kämpfte weiter.

Declan, Sean und Joe, die in dem Hinterzimmer hinter dem langen Tisch sitzen wie eine Militärjunta, sind Mitglieder der Dissidentengruppe Republican Sinn Féin, des politischen Sprachrohrs der Continuity IRA. Oh, Dissidenten! Schon wieder so ein Begriff, den sie sich nicht anhängen lassen wollen. "Gerry Adams hat doch den Republikanismus verraten. Er sitzt mit den Briten in der Stormont-Regierung. Er ist der Dissident." Tatsächlich beteiligt sich die irisch-republikanische Partei Sinn Féin unter ihrem Präsidenten Gerry Adams heute mit zwei Ministern an einer nordirischen Regionalregierung, die genau das verkörpert, wogegen Adams und seine Weggefährten in der IRA einst ihren Guerillakrieg führten: die Institutionalisierung des britischen Einflusses in Nordirland.

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