"So herzig wie die Schwaben, / gibt's halt nichts weit und breit. / Denn welche Völker haben / so viele Redlichkeit?" Erst nach zehn Jahren Festungshaft war Schubart zu einer derart betulichen Belobigung seiner Landsleute bereit. Zuvor hatte er sie als Schmeichler und Kriecher identifiziert. Einen leicht schelmischen und doch ganz seriösen Blick in Selbstdünkel und -zweifel der Schwaben eröffnet dieser fein bebilderte und feinsinnig erzählte Beitrag zur deutschen Stammeskunde, der neben den Schwabenbetrachtungen weltberühmter Neckar-Anrainer wie Schiller, Hölderlin oder Mörike auch die Geschichtsromane des kaum bekannten Hermann Kurz vorstellt.

Eine Würstchenbude vor dem Berliner Bahnhof Lichtenberg ist Ausgangspunkt der osteuropäischen Erkundungen Karl Schlögels. Ihr vermutlich vietnamesischer Besitzer hatte sie weltoffen "Eurasia" genannt, und es passt dem beobachtenden Slawisten gut ins Konzept, dass das Büdchen inzwischen wieder verschwunden ist. Denn viele der hier wieder abgedruckten Beiträge sind nur noch Erinnerung an die Aufbruchsstimmung nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Also notwendig, um erneut nach vorn zu sehen.

BELLETRISTIK DuBose Heyward: Porgy; aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann; Manesse Verlag, Zürich 2001; 270 S., 19,90 ¤ Die meisten kennen die Songs Summertime und I Loves You Porgy, andere die 1935 uraufgeführte Oper Porgy And Bess von George und Ira Gershwin sowie DuBose Heyward, nur wenige den Roman, der all dem zugrunde liegt. Er ist mehr als Ausgangspunkt, er ist ein ganzer Kosmos. In beinahe klassischer Manier neu übersetzt, liegt Charleston, Catfish Row 1925, nun wieder auf deutschsprachigem Boden, der Hauch von Dialekt gibt dem schwarzen Idiom die nötige Distanz. Porgy, der Krüppel, sitzt im Schatten der Häuser, bettelt, würfelt, wartet, bis Bess ihn trifft und sich hinter seiner Liebe versteckt. Er versucht, sie vor ihrer Leidenschaft für einen Mörder und vor dem Glückspulver zu bewahren. Vergeblich, wie man hörte. Mehr als der (variierte) Plot überrascht jedoch die poetische Präzision, mit der ein aus verarmtem Südstaatenadel stammender Weißer, DuBose Heyward, die Nähe von Leben und Tod bei den Schwarzen festhält. Doch Porgy ist so wenig an Charleston gebunden wie Romeo an Verona. Etwas archaisch Klares durchzieht diesen Roman. Allein die Beschreibung des Hurrikans ist eine literarische Offenbarung. Das kräftige, engagierte Nachwort von Michael Naura passt zum schlanken Manesse-Bändchen. Walter Mosley:Socrates' Welt; aus dem Englischen von Pieke Biermann; Unionsverlag, Zürich 2001; 272 S., 17,- ¤ Folgt man Socrates, hat sich seit 1925 bei den Schwarzen nicht viel verändert. Manche schaffen's bis zu einer Art Vorhölle, die sie als Paradies empfinden. Der ehemalige Mörder Socrates Fortlow, 27 Jahre Haft, 9 Jahre wieder in Freiheit - oder genauer: in Watts, L. A. -, kämpft gegen die Wut und den Hass, die in ihm stecken. In seinen besten Momenten wirkt dieser Episodenroman wie eines jener riesigen Wandbilder an Häusern, wo jedes den gleichen Platz und die gleiche Zeit hat. "Und keiner ist irgendwie rausgehoben, die machen alle, was sie eben so machen - sitzen auf 'ner Bank oder spielen Frisbee." Walter Mosley, Autor der Easy Rawlings-Krimis, spiegelt in der latenten Gewalttätigkeit des 60-jährigen Socrates auch die Hoffnung, dass etwas anderes möglich ist. "Man muss es träumen. Man muss es erfinden ... dann kommt es auch." So ein Schluss muss möglich sein. Joseph O'Connor: Inishowen Blues; aus dem Englischen von Esther Kinsky; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001; 477 S., 20,40 ¤ Der Beginn ist verheißungsvoll verzweifelt genug, um sofort zu überzeugen. Martin Aitken, degradierter und geschiedener Polizist, findet eine aschblonde Frau ohnmächtig auf dem Trottoir liegend und verliebt sich mitten im vorweihnachtlichen Verkehrsgetümmel Dublins in die anonyme Unbekannte. Eine Liebesgeschichte entsteht, ein Thriller voll irischer Sozialromantik und existenziellem Witz, eine Suche nach Identität am Rande des Todes, mit einem Wort: Leseabenteuer. Wäre da nicht jene amerikanische Parallelwelt, aus der die Unbekannte floh, die Welt der künstlichen Busen und familiären Albträume. 380 Seiten hält die Spannung, bis der hoch gelobte junge Autor offensichtlich die Nerven verliert:Der irische Inishoven Blues mündet auf den letzten 100 Seiten in einen Monty-Python-Zirkusmarsch. Konrad Heidkamp SACHBUCH

Helmuth Mojem:"Glückselig Suevien ..." Die Entdeckung Württembergs in der Literatur; Marbacher Magazin 97/2002; 88 S., 7,70 ¤

Karl Schlögel:Promenade in Jalta und andere Städtebilder; Hanser, München 2001; 312 S., 20,35 ¤