Nur im Winter ist Drass ein sicherer Ort. "Wenn es schneit, fehlt der pakistanischen Aufklärung die Sicht", sagt Bilal Ahmed und beobachtet die schwarze Wolkenfront, die sich über der nahen Bergkette gebildet hat. In dem kleinen Himalayaflecken im indischen Teil Kaschmirs geht die Angst um. Die Erinnerung an das bisher schwerste Bombardement vor zwei Jahren ist noch frisch. Damals feuerte die pakistanische Armee Dutzende von Granaten auf den direkt an der indisch-pakistanischen Waffenstillstandslinie gelegenen Ort. Die gesamte Bevölkerung wurde evakuiert.

Bis auf Bilal Ahmed. Während die Geschosse über ihn hinwegflogen, machte der Besitzer eines kleinen Ladens das Geschäft seines Lebens: "Nur bei mir konnten die Soldaten während der Gefechte Zigaretten und Tee kaufen", sagt er mit einem nervösen Lächeln. Bei jedem unerwarteten Geräusch fährt der 26-Jährige erschrocken zusammen. Pedantisch reiht er im verglasten Tresen seines offenen Ladens Buntstifte aneinander, als wolle er eine verlorene Ordnung wiederherstellen.

Das versucht auch das Militär. Es hat das 100 Kilometer östlich von Kaschmirs Hauptstadt Srinagar entfernte Dorf Drass in eine Festung verwandelt. Mit Sandsäcken bewehrte Kontrollposten sichern jede Kreuzung, Kasernen säumen die Zufahrtsstraßen. Endlose Militärkolonnen quälen sich durch die enge Hauptstraße, auf der indische Soldaten in Gebirgsjägeruniform und Gummistiefeln flanieren.

"Was ist, wenn es Krieg gibt?"

Der zivile Teil des 800-Seelen-Ortes ist heruntergekommen. Auf dem Basar hocken bärtige Händler Wasserpfeife rauchend in Kiosken und warten auf Kunden, die nicht mehr kaufen als ein Dutzend Kerzen für den nächsten Stromausfall. Aber außer Keksen und Zigaretten haben sie auch nicht viel anzubieten. Abgerissene Alte manövrieren Karren voller Wasserkanister über die von Schlaglöchern übersäten Straßen. Dass es keine Kanalisation gibt, riecht man nicht nur am Drass River, in dessen eisigem Wasser verschleierte Frauen Wäsche klopfen. Drass ist einer der rückständigsten Orte im ohnehin armen Grenzgebiet.

Dennoch übt hier niemand Kritik an der Politik Neu-Delhis, sympathisiert gar offen mit den Widerstandskämpfern unten im Kaschmirtal. Die Händler auf dem Basar klagen über den wirtschaftlichen Niedergang der Region, Folge von Grenzkonflikten und Bürgerkrieg. Und sind voll des Lobes für die indische Armee. "Wir haben keine Probleme mit dem Militär", versichert Bilal Ahmed, "im Gegenteil: Seit den Gefechten vor zwei Jahren hat die Armee alles getan, um die Normalität wiederherzustellen. Sie hat Krankenhäuser eingerichtet und Berufsschulen. Auch die Straßen sind ausgebaut worden." Die Händler von Drass äußern sich durchweg proindisch, und dazu trägt nicht nur die Allgegenwart des Militärs bei. Während unseres Gesprächs taucht immer wieder ein Beamter des Crime Investigation Department (CID) auf, einer Art Geheimdienst auf lokaler Ebene.

Außerhalb des Ortes sind kritischere Worte zu hören. Für Haji Mohammad Shafi etwa ist das soziale Engagement der Armee "reine Show. Bis heute dient kein einziger Muslim aus dem Distrikt Drass in der regionalen Armee, keiner arbeitet in der höheren Verwaltung", moniert der pensionierte Ingenieur. Viel schlimmer aber sei, dass die Armee in den Dörfern Land an sich nehme, "ohne einen einzigen Penny dafür zu bezahlen". Empört zeigt der 60-jährige Shafi vom Fenster seines Anwesens oberhalb von Drass auf eine nahe gelegene Kaserne, die sich zwischen Pappelhainen und Steinhäusern versteckt. An die Anwesenheit der Soldaten habe er sich zwar gewöhnt, trotzdem ist er besorgt: "Heute ist der Offizier von nebenan noch nett zu uns. Aber was ist morgen? Was ist, wenn es Krieg gibt?", fragt er.