Das Unwahrscheinlichste zuerst: eine schwarz-grüne Koalition regiert in Berlin. Der Zufall müsste schon sehr verrückt spielen, bevor es am 22. September 2002 bei den Bundestagswahlen auch nur zur Erwägung einer solchen Konstellation käme. Dabei flackerte sie als Möglichkeit zu Zeiten des Kanzlers Kohl durchaus auf. An dieser Version im Glasperlenspiel lässt sich ablesen, wie wenig strategische politische Überlegungen derzeit mit den Koalitionsspekulationen verbunden werden; und wie viel Ungewissheit in der Luft liegt.

Die politische Wetterprognose für 2002: Selbst wenn ein Hauch von Machtwechselstimmung nach nur vier Jahren aufkommen sollte, die CDU hat fast keine Koalitionsoptionen außer einer Neuauflage der altbekannten Konstellation. Aber auch die SPD hat weniger Spielraum, als es scheint. Mitte der neunziger Jahre hatten sich junge CDU-Abgeordnete mit Kollegen der Grünen getroffen, um herauszufinden, ob Schwarz-Grün eine Alternative zu der ewigen Verlierervariante Rot-Grün sein könnte. Als Pizza-Connection machte sich die Runde, die sich bei einem Italiener in der alten Hauptstadt traf, bundesweit einen Namen. Es folgten der Machtwechsel von 1998 und die rot-grüne Koalition, von Schwarz-Grün war nun nicht mehr die Rede.

Heute klagen Beteiligte von damals aus den Reihen der CDU, sie seien von den Grünen enttäuscht, die sich in Gefangenschaft der SPD begeben hätten. So bleibe den Christdemokraten außer der FDP kein potenzieller Partner.

Aber die Vorgeschichte ist noch komplizierter. Die politische Bandbreite der CDU ist enger geworden, auch den Jungen ist die Neugier vergangen - oder erfolgreich ausgetrieben worden. Den endgültigen Rückschlag bedeutete es, als einer der schwarz-grünen "Verschwörer", Eckart von Klaeden (CDU), sich Anfang vergangenen Jahres zu denen gesellte, die mit Lust in Joschka Fischers Vita kramten und moralisierend darüber eiferten. Da wurde klar, dass man in der Union nicht mit schwarz-grünen Gedankenspielen Karriere macht und dass es mit der "kulturellen" Nähe dieser Generation so weit her nicht sein kann.

Tendenz "Wagenburg"

Mit Blick auf das Wahljahr muss man allerdings an diese Episode erinnern: Einmal, weil seitdem die Grünen eindeutig festgelegt sind auf die Koalition mit den Sozialdemokraten. Zum anderen, weil sich die Union ihre strategischen Optionen vorsätzlich verbaut hat. Und dennoch wird, das ist die Pointe, von Sozialdemokraten selbst diese sehr unwahrscheinliche Variante mitgedacht, falls es zu einem ernsthaften Wettstreit um die politische Mitte käme.

Aber darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Nur für Gerhard Schröder steht fest, dass er die Wahlen wieder in der "Mitte" gewinnen will. Für die Christdemokraten gilt das nur, falls Angela Merkel sich gegen Edmund Stoiber durchsetzt. Wie sehr sich auch Stoiber bemühen würde, sein Image zu korrigieren - die "Mitte" verkörpert er im Vergleich zu der CDU-Vorsitzenden nicht. Aber selbst wenn Angela Merkel ihre Kandidatur durchsetzte, bis zu einer Öffnung der Union und einer Annäherung an die Grünen wäre es noch weit.