Wir kön_ en nicht umhin", notiert Gottfried Keller sarkastisch in seinem ersten Studienbuch unter der Überschrift Litterarisches, "das Publicum u besonders die Freunde der deutschen Sprache auf ein interessantes, nächstens erscheinendes Werk aufmerksam zu machen: das den Titel führen wird: Neue verbesserte deutsche Gram_ atik mit vielen neuen Wörtern und veredelten Ausdrücken bearbeitet von Eduard Süffert. Schon der Nahme des geistreichen Verfassers verspricht uns ein gediegenes Werk und wir beschränken uns darauf die gelehrte Welt zu versichern, dass der geniale Man_ ganz neue Wendungen u Wortfügungen erfunden hat u die schon vorhandenen so sehr veredelt hat, dass sie nicht mehr zu erken_ en sind; so sagt er, um nur einige Exempel zu geben, anstatt Kartoffel: Karrengetöffel u.s.f. Ebenso setzt er auf die geistvollste Weise die Wörter: Baumuß Haselnuß Beküm_ ernuß, Verdam_ nuß, sin_ li- chen Genuß, Kokosnuß u Venus' alle in die gleiche Kathegorie. und von solchen herrlichen Verbesserungen strotzt das Buch."

Nachzulesen ist das jetzt ohne alle "herrlichen Verbesserungen" (bis auf die von Keller vorgenommenen), ohne "veredelte Ausdrücke" und "neue Wortfügungen" in Band 16.1, Abt. C, Nachlasstexte, der historisch-kritischen Keller-Ausgabe (im Folgenden HKKA). Studienbücher ist der studierenswerte Band überschrieben. Was uns in der Abteilung D, Apparat, der Band 29 demnächst dazu mitteilen wird, wissen wir noch nicht. Genug einstweilen, dass der Druck nach dem Studienbuch "diplomatisch getreu" ist.

Die Rechtschreibreform von 1880

Für Leser, die mit den Finessen der Editionsphilologie nicht vertraut sind, fügen wir hinzu, dass "diplomatisch" hier nicht wie im normalen Sprachgebrauch Kompromiss- und Verhandlungsbereitschaft signalisiert, sondern ganz im Gegenteil die strikteste Treue des Drucks meint. Das beigegebene Faksimile gestattet den Lesern die eigenäugige Überprüfung.

Auch die Konkurrenzausgabe der HKKA, die siebenbändigen Sämtlichen Werke des Deutschen Klassiker Verlages, bietet in ihrem Abschlussband diesen Text. Obwohl der Band keine Vollständigkeit anstrebt, Kellers umfangreiche Exzerpte weglässt und Werkentwürfe nicht an ihrem Fundort in den Studienbüchern platziert, schneidet die Ausgabe hinsichtlich der gebotenen Materialfülle nicht schlecht ab. Von "Veredelungen" bis zur Unkenntlichkeit kann keine Rede sein. Das "Karrengetöffel" liegt uns auch hier "diplomatisch getreu" auf der Zunge respektive dem Magen.

Aber die Ausgabe hat doch zu einigen "herrlichen Verbesserungen" ihre Zuflucht genommen. Das "Li t_erarische" lässt die lateinische Wortwurzel und die historische Schreibweise, die bereinigte "Kat_egorie" Kellers Unkenntnis des Griechischen nicht mehr erkennen. Der "Name" des "geistreichen Verfassers" ist des so genannten Dehnungs-h beraubt, das ihn so narzisstisch befriedigend in die Länge zieht. Und sosehr wir uns auch hier zwischen "Verdam_ nuß" und "sin_lichem Genuß", "Kokosnuß" und "Venus" umgetrieben fühlen dürfen, suggeriert die korrigierte "Baumnuß" doch korrektere Verhältnisse, als sie in den Wirren des sprachlichen und erotischen Lebens bei Keller herrschen.

Kurzum: Gegenüber der HKKA ist die Orthografie "normalisiert", der Text selber "emendiert", "verbessert", ohne dass das im Kommentar deutlich gemacht würde. Ein Faksimile gibt es nicht, muss es nach der Zielsetzung der Ausgabe auch nicht geben. Dem Gewinn an leichterer Lesbarkeit, "modernisierter" Schreibweise und normalsprachlicher Korrektheit steht in der HKKA die größere Authentizität, das auch sprachlich wirrere, also umso lebendigere Leben entgegen.