Vor neun Monaten galt die Popsängerin Mariah Carey noch als sichere Bank: Damals unterschrieb sie einen Vertrag über vier Alben, der dem Musikkonzern EMI angeblich 118 Millionen Dollar wert war. Seitdem: ein öffentlicher Nervenzusammenbruch, ein CD-Flop namens "Glitter" und die Hauptrolle in einem sensationell erfolglosen Kinofilm. Nun soll ihre Plattenfirma ihr mit einer generösen Abfindung den Rückzug ins Privatleben nahe gelegt haben - da ist ein guter Ethikrat teuer.

Als ich sie das erste Mal auf dem Bildschirm sah, dachte ich: Immerhin kann sie singen. Die Freude daran brach ihr aus den Augen. Ansonsten schien alles aus Plastik, ihr Lächeln, ihre Gestalt, ihre Bewegungen, ihre Texte - stromlinienförmig, nichts Eigenes. Kein Selbst von innen her, nur ein Passepartout, exemplarisch für viele junge Menschen in der Spätmoderne. Dann eine Meldung im Vermischten, von versuchter Selbsttötung. Mariah Carey?

Es geht wohl um eine Eigentumsfrage, ein Eigentum jedoch, das nicht nach 100 und mehr Millionen zählt. Geld mag beruhigend sein, lebensnotwendig aber ist, sich selbst zu Eigen zu sein. Man kann darüber einiges nachlesen bei Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum , 1845, aber die Sache ist älter. Zweitausend Jahre früher wurde sie von den Stoikern Selbstaneignung, griechisch oikeiosis, genannt. Stirner wurde für seine Überlegungen geächtet von den Denkern des Sozialismus, die völlig aufs materielle Eigentum fixiert waren, von dessen Abschaffung sie sich die Revolutionierung aller Verhältnisse versprachen: Das törichte Hohngelächter von Marx und Engels erstarb erst 1989 auf den Lippen derer, die ihr eigenes Leben reklamierten. Es ist aber eine offene Frage, ob die Welt, die übrig blieb, nicht noch perfidere Methoden kennt, den Menschen ihr Leben aus der Hand zu nehmen.

Darüber wüsste Mariah Carey vielleicht einiges zu berichten, vielleicht so viel, dass verständlich würde, warum sie den ultimativen Schnitt vornehmen wollte, der einem Selbst zuletzt noch bleibt, um über sich zu verfügen - wenn auch nur um den Preis, das eigene Leben zugleich zu beenden. Diesen Schritt tun zu können und ihn dann doch zu lassen wäre im Grunde die erste Aneignung des Selbst, aus der ein anderes Leben folgen könnte. Die Selbstsorge würde damit geltend gemacht, neben der irgendwelche Millionen, mit denen man angeblich "ausgesorgt" hat, völlig verblassen. Und doch scheint dies so schwierig zu sein, dass viele lieber auf die weitere Steigerung des materiellen Habens setzen. Dabei ist der entscheidende Unterschied nicht der zwischen Sein und Haben, wie viele fromm meinen. Ein bloßes Sein kann es für niemanden geben, das Sein artikuliert sich immer im Haben. Die Frage ist nur, um welches Haben es primär geht, das materielle oder ideelle: Gefühle haben, Ideen, die eigene Ethik, eigene Meinung, Zweifel und Ängste, eigene Interessen, die eigene Wahl: All das ist Eigentum, über das ein Selbst selbst verfügen kann. Dieses Selbsteigentum zu entbehren kann den Verlust der Selbstachtung nach sich ziehen und dem Leben jeden Sinn rauben.

Und Mariah Carey? Kann sie nun so einfach zurück ins Privatleben? Man macht sich vermutlich einen falschen Begriff von der Autonomie eines solchen Menschen, der von Beratern, Managern und "Freunden" nur so umstellt ist und keine Ahnung hat, was es heißt, sich selbst zu definieren, statt immer nur definiert zu werden. Warum war ihr Plattenvertrag so gut dotiert? Weil der Kauf der Eigentumsrechte an ihrer Person damit verbunden war. Im gewöhnlichen Leben werden Kompromisse geschlossen, "Arbeitsverträge" genannt: Man übereignet einen Teil seiner selbst und bekommt dafür ein monatliches Entgelt. Wenn aber die Enteignung des Selbst total wird, ist das mit Gold nicht aufzuwiegen.

Das ist das Problem des Star-Daseins: die totale Selbstenteignung durch Erwartungen anderer. Der Verlust ihres Vertrages, der sie zum Aufziehpüppchen machte, wäre der Gewinn der Eigenmächtigkeit für Mariah Carey. Der Weg zur großen Sängerin wäre dann endlich frei.

Wilhelm Schmid