An Walter Riester können die meisten Dienstleister nicht viel verdienen. Seine kurzen Haare schneidet Ehefrau Renate, bei der Steuererklärung kommt der Arbeitsminister normalerweise ohne Berater aus, und im Urlaub kachelte der gelernte Fliesenleger sogar den Fußboden seines Hauses in Österreich noch selbst.

Dass andere Deutsche deutlich mehr Interesse an Service-Leistungen entwickeln, glaubt Riester nicht. Zumindest verspricht er sich davon keine starken Impulse für den Arbeitsmarkt. "Schauen Sie sich doch an, was Autofahrer machen, wenn eine Tankstelle zusätzliches Personal zum Wagenwaschen einstellt", erklärt er gern. "Die meisten freuen sich nicht, sondern fahren lieber zur Konkurrenz, weil sie das Trinkgeld sparen wollen."

Trotz so viel Skepsis wird der Arbeitsminister in den kommenden Tagen Vorschläge machen, die ausgerechnet auf einfache Jobs im Dienstleistungssektor zielen. Staatliche Zuschüsse zu den Sozialabgaben sollen die Annahme von mäßig bezahlten Stellen attraktiver machen - die Idee ist alt, neu ist allerdings die Bereitschaft, das Konzept flächendeckend zu erproben. "Wenn wir schnell eine Entscheidung fällen, können dadurch noch in diesem Jahr mindestens 100 000 neue Jobs entstehen", wirbt der rheinland-pfälzische Sozialminister Florian Gerster. "Einfache Arbeiten im Haushalt, im Dienstleistungssektor und zum Teil auch in der Landwirtschaft gibt es genug - wir müssen es nur attraktiver für Arbeitslose machen, solche Stellen anzunehmen."

Gerster ist Erfinder des seit Mitte 1999 laufenden Mainzer Modells, das vermutlich Vorbild für einen bundesweiten Niedriglohnversuch sein wird. Riester hat sich bisher skeptisch geäußert: Rechne man die Mainzer Ergebnisse auf das Bundesgebiet hoch, komme man auf gerade mal 10 000 bis 15 000 neue Stellen. Viel ist das nicht angesichts von vier Millionen Arbeitslosen. Dennoch sollen die Zuschüsse für Geringverdiener auch bei der nächsten Zusammenkunft im Bündnis für Arbeit Ende des Monats Thema sein.

Die schlechten Arbeitsmarktdaten haben die Regierung aufgeschreckt. Die Wirtschaft lahmt, die Lohnnebenkosten steigen, und die Tarifpartner laufen sich für eine harte Verhandlungsrunde warm. Kanzler Gerhard Schröder wollte auf 3,5 Millionen Arbeitslose runter, jetzt muss er sich mühen, um unter vier Millionen zu bleiben. Die Wahlkampfslogans gegen seine SPD schreiben sich von selbst. Der Verweis auf die schwierige Weltkonjunktur überzeugt die meisten Experten nicht, aus ihrer Sicht sind zu viele Probleme hausgemacht. "Am schwersten fällt der Bundesregierung das Umdenken und Umsteuern bei der Gestaltung der Arbeitsmarktordnung", kritisierten etwa die Fünf Wirtschaftsweisen in ihrem jüngsten Jahresgutachten. "Die Flexibilität des Arbeitsmarktes wird durch die neuen gesetzlichen Regelungen nicht erhöht, sondern eingeengt, und die Erwerbschancen der Arbeitssuchenden werden nicht verbessert, sondern verschlechtert."

Acht Punkte von den Grünen

Hinzu kommt, dass die Zahl der Anhänger unterschiedlichster Niedriglohnmodelle steigt. Die Grünen drängen schon lange auf die staatliche Unterstützung für Geringverdiener; auf einer Klausurtagung werden sie in dieser Woche ihre Vorschläge in einem Acht-Punkte-Programm konkretisieren. Der parteilose Wirtschaftsminister Werner Müller will die Grenze für geringfügige Arbeitsplätze, bekannt als 630-Mark- oder neuerdings 325-Euro-Jobs, nach oben setzen, was ebenfalls eine Abgabenverringerung für untere Einkommen bedeutet.