Wissen Sie, was für mich das Fegefeuer ist?", fragte Konrad Adenauer einmal auf dem Flur des Bundeshauses in Bonn den CDU-Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier. Und beantwortete die Frage gleich selbst: "Das Fegefeuer ist für mich, wenn ich in die Fraktion muss!" Ein Scherz mit einem wahren Kern. Denn in der Fraktion von CDU und CSU musste der Kanzler immer wieder um Zustimmung ringen. Hier schlug ihm gerade in den letzten Jahren seiner Ära mehrfach erbitterte Ablehnung entgegen.

Das Kabinett und andere Parteigremien hatte Adenauer dagegen nicht zu fürchten, zu fest hielt er dort die Zügel in der Hand. In der Partei übrigens nicht nur fest, sondern zugleich locker, integrierend, geschickt - wie die umfangreiche Studie des Göttinger Historikers Frank Bösch belegt. Breit recherchiert, den ungehinderten Zugang zu CDU-Parteiarchiven voll ausnutzend, entwirft Bösch das Panorama der CDU-Entwicklung bis zum Machtverlust 1969.

Der Keim des Erfolgs für den Aufstieg der CDU zur ersten demokratischen deutschen Volkspartei wurde in den unmittelbaren Nachkriegsjahren gelegt. Was zunächst als eine im katholischen Milieu angesiedelte, regional zerstreute Honoratiorenpartei begann, entwickelte sich rasch zur breiten Sammlungsbewegung, die die traditionelle Zersplitterung des bürgerlichen Lagers überwand. Besonders wichtig war die allmähliche, durch immer wieder neu ausgehandelte Quoten und Proporzlösungen erreichte Überwindung des konfessionellen Gegensatzes zwischen Katholiken und Protestanten. Noch 1961 wurde in der CDU über die Glaubenszugehörigkeit der 1251 Beschäftigten - mit so wenigen kam die Regierung damals aus - in den Bundesministerien genau Buch geführt, später noch penibel darauf geachtet, die Führungspositionen in Partei und Staat möglichst konfessionell gemischt zu besetzen.

Dabei blieb der organisatorische Unterbau der Partei erstaunlich dünn, war die CDU als Kanzlerwahlverein und Wahlkampfmaschine lange eine "organisierte Partei ohne Parteiorganisation". Der in der Satzung vorgesehene geschäftsführende Vorstand kam kaum je zusammen. Landesverbände kannten oftmals weder ihre exakte Mitgliederzahl noch die Zahl der existierenden Ortsverbände - erst 1963, am Ende von Adenauers Kanzlerschaft, das die Union in eine tiefe Krise stürzte und organisatorische Reformen erzwang, begann die neu installierte CDU-Geschäftsführung überhaupt die Partei systematisch statistisch zu erfassen.

Bis dahin war sie geleitet worden von einer informellen Troika um Adenauer, seinem diskreten Staatssekretär Hans Globke und dem vermittelnden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich Krone, "gelegentlich unterstützt von rein männlichen Beratergruppen" - Frauen spielten in der Partei kaum eine Rolle, wählten aber bis 1969 mit großer Mehrheit CDU. Adenauer, der bekanntlich zuerst Kanzler, erst ein halbes Jahr später Vorsitzender geworden war, führte überall Regie, vom Ablauf der Parteitage und Bundesvorstandssitzungen bis hin zu Details der Wahlkampfführung. Seine Anweisung für die Wahlwerbung hat für Volksparteien sogar bis heute Bestand: "Wir können bei der Wahlpropaganda gar nicht primitiv genug sprechen, um verstanden zu werden."

Adenauer hat dabei den CDU-Landesverbänden in den fünfziger Jahren durchaus Spielraum gelassen, allerdings die "Gleichschaltung der Länderregierungen", so weit möglich, vorangetrieben, Große Koalitionen mit der SPD recht erfolgreich zu torpedieren begonnen, das Modell einer bürgerlichen Koalition aus dem Frankfurter Wirtschaftsrat und seiner eigenen Kabinette auf möglichst viele Landesverbände zu übertragen versucht - um die Union glaubwürdig als große antimarxistische Sammlungsbewegung rechts von der SPD zu etablieren. Das wiederum erleichterte es ihm, in einer letztlich für die betroffenen Parteien tödlichen Umarmung, in einer charakteristischen Mischung aus Lockungen (mit Finanzmitteln und Posten) und Drohungen (mit dem Entzug derselben) Konkurrenten am rechten Rand aufzusaugen; die niedersächsische DP und der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) wussten ihr Lied davon zu singen - dass sich die FDP demgegenüber zu behaupten vermochte, ist ein kleines Wunder der Parteiengeschichte.

Dabei saßen die Liberalen vielfach mit im bürgerlichen Boot, partizipierten etwa am Finanzsystem der Union. Das ist überhaupt der schwarze Faden, der sich durch Böschs Studie zieht, gemäß Adenauers Grundsatz: "Geld ist die Hauptsache! Geld, Geld, Geld!" Die Wahlkämpfe der Union waren teuer. CDU-Mitglieder waren rar und - anders als in der SPD - meist nicht sonderlich "beitragstreu", zahlten allenfalls 50 Pfennig statt der ganzen SPD-Mark.