In Frankreich haben Stendhal, Chateaubriand, Claudel und Saint-John Perse die Vereinbarkeit von Diplomatie und Schriftstellerei hinlänglich bewiesen. Anders in Deutschland: Hier werden die Romane eines Diplomaten immer noch mit spitzen Fingern angefasst. Kultur und Diplomatie haben sich bei uns wenig zu sagen. Eine einzige Ausnahme bestätigt die Regel. Erwin Wickert, Diplomat von Rang und zugleich erfolgreicher Romanautor, genoss seine Doppelexistenz sogar.

Die gerunzelten Stirnen der Außenminister und Staatssekretäre, denen er diente, störten ihn nie. Unbeeindruckt von dem höflichen Unverständnis seiner Vorgesetzten, beantragte er unbezahlten Urlaub, wenn es ihn wieder einmal zu "Allotria außerhalb meines Geschäftsbereichs" trieb. Er lebte von den zwei Seelen, die in seiner Brust um die Oberhand stritten, "die eine, die nicht leben kann, ohne zu schreiben, die andere, die alle Welt und alle Menschen sehen will und möglichst auch noch dem Rad der Weltgeschichte in die Speichen greifen und Politik machen will" (so sein Heidelberger Philosophenfreund Ludwig Giesz). Der Kampf ist längst entschieden. Die Exzellenz ist seit zwanzig Jahren pensioniert, aber der Schriftsteller blieb und hat jetzt den "Palast seiner Erinnerungen" zum zweiten Mal geöffnet.

Er selber fand Memoiren notwendig, "weil die Akten, die im Archiv lagern, nur einen Teil der Vergangenheit festhalten". Aber auch seine Leser fanden es wichtig, weil der erste Teil der Geschichten aus meinem Leben (Mut und Übermut) mit Kriegsende schloss und Lust auf die Fortsetzung machte. Der zweite Teil endet in den siebziger Jahren mit seiner Zeit als Botschafter in Ceau­escus Rumänien.

Das Leben des heute 86-Jährigen ist auf faszinierende Weise mit der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts verbunden. "Ich bin stolz, dass ich dabei sein durfte", schreibt er, "und dass ich zusammen mit den few, the happy few das schwierige vorige Jahrhundert durchschritten habe, ohne den Halt zu verlieren." Den Reiz des zweiten Bandes macht aus, dass er die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht nur "von unten" erlebte, sondern im Auswärtigen Amt unter den Außenministern Gerhard Schröder und Willy Brandt mit an den Stellschrauben der Politik drehte. "Ich entschied zwar nicht über die Richtung unserer Außenpolitik, weder damals noch später, aber ich war doch im Kreis derer, die darüber mitreden, anregen oder korrigieren durften; war Ende vierzig und voller Arbeitsdrang."

Wickert war nie ein Diplomat im Sinne eines Schönredners. Dazu war er zu furchtlos. Seiner Vorliebe für die deutliche Rede zur Sache ist auch jetzt nicht von Altersmilde angekränkelt. Als Botschafter machte ihn das fast zur Sehenswürdigkeit. Wenn es die Situation erforderte, wurde er unverblümt. Dass er auch vor Schärfen nicht zurückschreckte, illustriert der bizarre Dialog, den er während eines Ausflugs in die rumänischen Jagdgründe mit Ceau­escu führte und den er noch in der Nacht niederschrieb, "denn wenn ich mir sofort Notizen machte, konnte ich am nächsten Tag auch lange Gespräche vollständig und Satz für Satz wiedergeben".

Das Tagebuch wurde von ihm jahrzehntelang penibel geführt - als Schriftsteller in Heidelberg (damals war er neben Günter Eich der bekannteste Hörspielautor), als Diplomat in Paris bei der Nato, anschließend in der Zentrale in Bonn, danach als Gesandter in London, als Botschafter in Bukarest und auf seinem letzten Posten als Botschafter in Peking. Dieses eindrucksvolle Gedächtnisarchiv macht die Erinnerungen des Diplomaten-Schriftstellers nicht nur zur informativen, sondern auch zur unangestrengten Lektüre. Wickerts gebildeter Stil, das Talent, mit dem er Stimmungen einfängt und beschreibt, aber auch sein ausgeprägter Spürsinn für die Komik dieser Welt erhöhen den Unterhaltungswert.

Für William Rees-Mogg, den Chefredakteur der Londoner Times, war Wickert gleichermaßen Romanautor, Gesandter und Wegbereiter der neuen Ostpolitik. Seine schönste, auch seine einflussreichste Zeit verbrachte er in den sechziger Jahren mit Gerhard Schröder als Außenminister. "Schröder wie Carstens (Staatssekretär) waren Juristen, dennoch führten sie unsere Außenpolitik nicht mehr unter Berufung auf Rechtsvorbehalte und Doktrinen. Die sogenannte Hallstein-Doktrin ... wurde im Grunde schon aufgegeben, als Schröder Handelsvertretungen mit den osteuropäischen Staaten austauschte." Das ist jetzt über dreißig Jahre her und längst abgeschlossene Geschichte. Aber damals musste Wickert dem Außenminister nicht nur die Reden schreiben, sondern auch die intellektuelle Munition für die Auseinandersetzung mit den Gegnern der Ostpolitik in der eigenen Partei, der CDU, liefern.