So hätte man sich den neuen Werther malen können: weiches Gesicht mit der richtigen Mischung aus Trägheit und Energie, verstrubbelte Frisur, blaue Augen zur blauen Jeans natürlich, irgendwann musste uns die Hoffnung des Rock 'n' Roll ja wohl erscheinen. Nun lehnt sie vor der amerikanischen Flagge und nennt sich Ryan Adams. Mühsam, die neueste Verheißung der Zukunft der Rockmusik aus dem Geiste der Vergangenheit zu begrüßen, sind doch bisher all diese Versprechungen irgendwann grußlos durch die Hintertür verschwunden. Dazu singt der Troubadour von Liebesleid (in allen Abstufungen von Melancholie bis Hass) und Liebesglück (eher selten), steht am Rande der Welt, nur von seiner Einsamkeit begleitet. Und dann sagt er jenen Satz, den wir so nie wieder lesen wollten: "I'm just some guy with a guitar who plays rock 'n' roll." Dies könnte das Ende eines ernst zu nehmenden Textes über Ryan Adams sein. Bis man die Musik hört, in Melodien fällt, die seit 30 Jahren zur Grundausstattung zählen, sich gegen seinen Willen einlullen lässt, um geläutert aufzustehen und das Glück der Wiederholung zu preisen.

Als "eine menschliche Jukebox" bezeichnete ihn eine Kritikerin angesichts des zweiten Soloalbums Gold, das er im letzten Jahr in Los Angeles aufgenommen hatte. Wie wahr. Als tippe man sich durch eine private Hitparade aus Rolling Stones und Who, aus Bruce Springsteen, Neil Young, Bob Dylan, Willy deVille oder Van Morrison. Und immer wieder dröhnt die Gitarre nach Keith Richards, dem Liebesleitmotiv von Ryan Adams, schamlos in seiner Direktheit. Doch es schert ihn nicht, er klaut - die Wiederholung beweist's - nur bei den Besten. Da wabert die Hammond-B-3- Orgel, hämmert das Klavier, klagt die Mundharmonika, singen Frauenchöre und Geigen, es schrummt die akustische Gitarre - die Kopie der Kopie der Kopie wird wieder zum Original. Das ist die erste Lehre des Ryan Adams. Sehenden Auges und hellwachen Ohrs verschwimmen die alten Originale hinter dem neuen Original. Er ist besser. Weil er in diesem Augenblick lebt.

Seine Vergangenheit umfasst bisher 26 Jahre. Geboren wird er in Jacksonville in North Carolina, seine Eltern trennen sich, als er neun ist. Mehr und mehr wächst er bei seiner Großmutter auf, tippt auf ihrer Schreibmaschine Geschichten, fährt besessen Skateboard und verlässt in der 10. Klasse die Highschool. Er zieht in eine kleine Punk-Rock-Kommune - keine Anzeichen von Gold. Die erste Band nennt sich Patty Duke Syndrome, seine zweite - in Raleigh - eine arty country band, trägt den sprechenden Namen Whiskeytown. Sie spielen, nehmen drei Alben auf, sie trennen sich. Ryan gibt's, Ryan nimmt's. Als er einen Radio-DJ beleidigt ("Was du kannst, kann ich auch. Schieb eine CD in den Player, und drück dann auf Start. Oooh, mein Finger ist schon ganz erschöpft"), verschwindet der Whiskeytown-Song aus dem Äther; als die Plattenfirma 1999 den Vertrag kündigt, geht er nach New York - solo. Dort lebt ein Mädchen, das er liebt. Es ist der archaische Ausgangspunkt des Rock 'n' Roll.

Im Frühling 2001 nimmt er in Los Angeles das Album Gold auf - und Los Angeles ist dabei ebenso zu betonen wie der Frühling. Das Mädchen in New York liebt ihn nicht mehr, die neue Liebe lebt in Los Angeles, also produziert er dazwischen gebrochenen Herzens in Nashville das Album Heartbreaker, geht nach L. A., komponiert viel zu viele Songs, um sie auf einer CD (70 Minuten Gold) unterzubringen, schreibt ein Theaterstück, nimmt schnell ein weiteres Album auf (48 Hours) , das er aber beiseite legt, um mit einer neuen Band, den Pinkhearts - seine dröhnende Rock-Variante -, ein neues Werk in Nashville einzuspielen. Verwirrend genug? Jeder Tag ein Song. Es ist das alte live fast- Syndrom, bei dem kokett die young mitschwingt. Mit To Be Young (is to be sad, is to be high) und Amy singt Adams seine Viereinhalb-Sterne-Versionen von Glück und Verzweiflung. Es ist nicht mehr zu trennen, ob das Leben den Stoff für die Songs liefert oder die Lieder das Leben auffordern, etwas für die Kunst zu tun. Da hat einer keine Zeit, um aufzupassen, wo er was gehört und von wem kopiert hat. Mit rotzfrecher Sensibilität und nervöser Intensität schreibt er sich das Leben zum Lied. Und träumt er nachts, klingt der Song am nächsten Morgen wieder ganz anders. Dies ist die zweite Lehre des Ryan: Er ist besser, weil er schon morgen lebt.

Mit seinem ureigenen New York, New York beginnt das Album Gold - vor dem 11. September aufgenommen -, das Cover zeigt den nachdenklichen Künstler als Poseur vor den Stars and Stripes, verkehrt gehängt, eine gebrochene Paraphrase zu Bruce Springsteens Born In The USA . "Hell, I still love you ... New York", singt er, Synonym für seine verflossene New Yorker Liebe von gestern. Jeder Song wird zum Brief, an die Mädchen, die er meint, von Sylvia Plath über Nobody Girl zur Zukunft, Gonna Make You Love Me. "Ich bin ein mathematischer Sänger", sagte Bob Dylan 1966, als man ihn auf seine politischen Ansichten ansprach. Dass Gold seiner neuen (und womöglich schon wieder verflossenen?) Liebe Winona Ryder gewidmet ist, soll als indiskrete Anmerkung genügen.

Mit Goodnight, Hollywood Blvd endet die CD, doch wer dies nun als Reise quer durch die USA sieht, wird Orientierungsprobleme bekommen. Die Orte werden schon seit Jahrzehnten durch Musik ersetzt: Blues, Folkrock, Soul, Balladen, Rock, die Genres sind Abbilder von Gefühlslandschaften. Ob es ein unverschämtes Geigenarrangement ist oder das einschlägige Nachbeben einer übersteuerten Garagenband, ob er sich in den Diskant Neil Youngs erhebt, im tänzelnden Blues von Van Morrison verliert oder die rauchige Färbung von Bob Seger annimmt, er blutet an den richtigen Stellen, trinkt in coolen Bars mitten in der Wüste, ist Rimbaud in Nashville, ist Gram Parsons. Mag die Popwelt ringsum in tausend Teile zerfallen, Ryan Adams vereint alles, was er je geliebt hat. Oder, wie er den "großartigen Punkrocker Shakespeare" zitiert: "To thine own self be true." Dies zum Dritten.

Auf dem Cover zu Heartbreaker, dem balladesken, kammermusikalischen Spiegelbild zu Gold, liegt er auf einem Hotelbett, Aschenbecher, Gitarre, Telefon malerisch verstreut, die Insignien des fahrenden Sängers. Auf Gold dann zusätzlich ein Revolver, ein Kopfhörer, ein Plattenspieler, als gehe er zurück in eine vordigitale Zeit, als die Dinge noch ein sichtbares Gewicht hatten. Neben dem Doppelbett steht eines jener soliden Geräte - Verstärker, Tuner und Plattenspieler in einem - aus einer Zeit, da man kaum wusste, dass die drei Teile - als "Bausteine" - einzeln existieren konnten. War eins davon kaputt, ging das Ganze in Reparatur - Hi-Fi-Solidarität -, es ist das Abbild der Musik. Als wolle er gegen das Unausweichliche ansingen: gegen hauchdünne Drähte mit Mikrofonen, die Telefone imitieren, winzige Ohrstöpsel als Kopfhörerersatz, CD-Player in Ufo-Form mit CDs, die nur noch eine Seite kennen, den Unterschied von A und B verwischen, gegen Dinge, die Bedeutungen auflösen und Bewegung illusionieren. Es ist die vierte, alte Lehre des jungen Werther: Das Gewicht des Telefonhörers sagt einem, dass man redet.