SCHMIDT:
Natürlich, wir sind dabei, diese Vorschläge vorzulegen und die Auseinandersetzung mit Ärzteverbänden wie dem Hartmann-Bund, die nehme ich gerne auf. Ich würde gerne einmal die Patienten sehen, die sich mobilisieren lassen, wenn Ärzte fordern, dass doch die Krankenkassen weniger Leistungen bezahlen sollen und dass die Patienten sich zwar versichern sollen aber trotzdem dann für Unfälle, für Bronchitis oder für andere Dinge selber aufkommen müssen! Ich will, dass Menschen die krank sind, das bekommen was sie brauchen, um gesund zu werden oder ihre Schmerzen zu lindern, und deshalb werde ich an meinen Reformkonzepten auch weiter festhalten und die weiter entwickeln. Wir wollen eine qualitativ hochstehende Versorgung. Ich will, dass Dinge, die im System zweifelsohne ineffizient laufen, dass die beseitigt werden und dass wir das vorhandene Geld im Gesundheitswesen optimal einsetzen - zum Nutzen der Patientinnen und Patienten. Diese Auseinandersetzung nehme ich in diesem Wahlkampf sehr gerne auf, weil ich glaube, dass ich die Patientinnen und Patienten auf meiner Seite habe und auch die Menschen, die befürchten müssen, dass sie krank werden.


Nach allem was man liest über Ihre Reformpläne - ob nun wirklich so große oder doch eher mittelgroße oder kleine - bewegt sich das alles in den mehr oder weniger gegebenen Strukturen. Was macht Sie so sicher, dass Sie an einer grundlegenden Reform, nämlich das Versicherungssystem auf andere Beine zu stellen, wie in der Rentenreform eine private Schiene einzuführen, vorbei kommen werden? Die Voraussetzungen sind ja die selben: wir haben immer mehr alte Menschen; wir haben Risiken bei den Einnahmen und wir haben im Gesundheitswesen zusätzlich noch neue Kosten durch die wunderbare Entwicklung, dass wir immer bessere medizinische Möglichkeiten haben, die aber bezahlt werden müssen.


Die Entwicklungen sind nur scheinbar die gleichen. Für das Alter sparen Sie an - über die gesetzliche Rente oder über private Zusatzversorgung oder indem Sie sich ein Häuschen bauen und dann mietfrei wohnen. Wenn Sie in ein Alter kommen, das normale Eintrittsalter ist heute 60 oder 65 Jahre, dann gilt ab dann dass Sie das Monat für Monat ausgezahlt bekommen, was Sie in einer Versicherung angespart haben. Die Krankenversicherung ist eine andere. Für die Krankenversicherung spielt es keine Rolle, ob Sie mit einem Jahr schwer krank werden oder erst mit 80. Da ist es entscheidend, wie lange die Menschen gesund bleiben. Und da haben wir natürlich eine Situation, dass Krankheiten bei älteren Menschen eben häufiger dazu neigen, chronisch zu werden und sie dauerhaft behandelt werden müssen. Viele ältere Menschen bekommen regelmäßig Medikamente oder auch andere Heil- und Hilfsmittel. Dafür muss man sorgen. Aber bei der Frage, was kann denn privat abgesichert werden habe ich einmal eine Gegenfrage: Wenn Sie Mitglied einer Krankenkasse sind, was möchten Sie denn haben, was nicht mehr für Sie versichert wird?


Zum Beispiel Freizeitvergnügen, die ja keine Pflichtveranstaltung sind, die ich mir auch verkneifen könnte. ‚Risikosportarten’ ist nur ein Stichwort, wo ich sagen könnte: o.k., wenn mir das so wichtig ist, dass ich das tun will, dann kann ich verflixt noch mal dafür auch eigene Beiträge aufbringen und nicht die Solidargemeinschaft mit diesen Dingen belasten!


Was ist eine Risikosportart? Die Diskussion kann man führen. Ich sage nur immer, Gleitschirmflieger gibt es beispielsweise zu wenig, als dass die nennenswert die Krankenkassebeiträge senken würden. Die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Manchmal wird gesagt, wer einen Gleitschirm oder so etwas kauft, oder eine Drachenfliegerausrüstung, da könnte doch automatisch eine Versicherung mit dem Kauf abgeschlossen werden. Das sind Dinge, über die man diskutieren kann, die aber im Grunde genommen nicht ins Gewicht fallen. Risikosport ist immer dann, wenn ich selber nicht gut vorbereitet bin. Also Menschen, die sich in der Regel sich sehr wenig bewegen, die sind eher geneigt, dass sie sich bei einem Sturz zum Beispiel ein Bein brechen als andere, die regelmäßig Sport machen. Und deshalb ist ja mein Ansatz, wir müssen gucken, gerade in diesem Bereich, dass Menschen Sport und Bewegung zu ihrem regelmäßigen Freizeitverhalten machen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir vielmehr in die Altersprävention gehen, so zum Beispiel Sturz-Prävention und andere Dinge mehr machen. Und ansonsten tritt das Problem auf, was ist denn, wenn jemand im Haushalt verunglückt und er hätte das dann nicht als Unfall abgesichert? Soll er oder sie dann nicht mehr behandelt werden? Ich glaube, so können wir nicht darangehen. Wir haben eine gesetzliche Unfallversicherung und auch in Betrieben, sowie Gemeindeunfallversicherungen, wenn etwas auf öffentlichen Straßen, im Verkehr etwas passiert. Unsere Aufgabe muss sein, festzustellen, was ist eine medizinisch notwendige, therapeutisch anerkannte Versorgung? Hier muss gezielter gearbeitet werden, dass genau das von den Krankenkassen auch finanziert wird und dann immer auch auf die Qualität geachtet wird. Das ist, glaube ich, der richtigere Weg.

Sie haben eben für mehr Sport, Bewegung und Prävention im weitesten Sinne plädiert. Ist das Problem dann nicht, dass es vielleicht langfristig die Kosten senkt aber kurzfristig erst einmal die Belastungen noch oben schiebt und damit möglicherweise auch die Beiträge weiter steigen lässt?

Sehen Sie einmal, wenn ich heute feststelle, dass junge Menschen aufgrund des verändern Freizeitverhaltens oder auch der Umweltbelastungen schon sehr früh an Stoffwechselerkrankungen durch falsche Ernährung oder an Herzerkrankungen leiden und auch andere Dinge, Asthmaerkrankungen etwa, dann wird es Zeit, dass wir mehr in die Prävention investieren - und zwar vom Kindergarten über die Schule bis ins Erwachsenenleben. Denn die, die mit 14 schon an Stoffwechselerkrankungen krank sind, die werden in dieser älter werdenden Generation eben sehr früh auch zu chronisch Kranken werden. Deshalb arbeiten wir ja an dem Präventionsprogramm, das vorsieht, dass man mehr als das, was die Krankenkasse bisher unter Prävention auch mit finanziert hat, getan werden kann. Unser Vorschlag wird ein Präventionsfonds sein. Das wird in diesem Monat am Runden Tisch, hoffe ich, auch endgültig einmal mit Vorschlägen verabschiedet. Da sind wir sehr weit, aber es müssen sich alle beteiligen: betriebliche Prävention; es muss etwas von den Krankenkassen kommen; aber auch jeder einzelne muss wissen: hier ist Eigenverantwortung gefragt! Jeder ist erst einmal für sich und seine Gesundheit und auch für die Gesundheit seiner Kinder verantwortlich. Und man guckt, dass man, was die Ernährung angeht, was die Bewegung angeht, versucht, das optimal auch anzuwenden, damit erst gar keine Krankheit entsteht.