Es waren stille Örtchen der anderen Art. Besonders wohl fühlte man sich dort eigentlich nie. Alles war ein wenig klebrig und angeranzt, die Luft stickig, selbst an kalten Tagen. Und doch hatten die Häuschen immer etwas Angenehmes. Sobald sich die Glastür schloss, spürte man eine ungeahnte Ruhe: Die Welt draußen war nur noch ein Brummen, und die Wartenden vor der Kabine, ihr empörtes Klopfen, ließen sich getrost ignorieren. Telefonzellen waren Orte des Privaten, Refugien der Intimität. Das öffentliche Leben musste draußen bleiben.

Nun aber hat die Telekom das große Zellensterben eingeleitet. Die meisten Menschen tragen ihr Telefon ohnehin in der Jackentasche und zelebrieren Turteleien ebenso wie Ehekräche ungeniert auf offener Straße. Da ist es nur konsequent, dass auch der öffentliche Fernsprecher enthaust und zur Notrufsäule wird, eine nackte Stele aus Edelstahl. Auch wer kein Handy besitzt, kann sich nun brüllend und handymäßig allen mitteilen, ungeschützt vor Wind und Regen, vor dem Lärm und der Neugier seiner Mitmenschen. Wieder ist eine Grenze zwischen Privatem und Publikem gefallen.

Doch wundert das jemanden? Wer sich in unseren Städten ein wenig umsieht, dürfte vom Ende der Telefonhäuschen nur mäßig überrascht sein. Er wird sich eher bestätigt fühlen in dem, was er ohnehin allerorten beobachtet: dass der Terror des Intimen an Macht gewinnt, dass sich das Häusliche vom Öffentlichen immer seltener scheiden lässt. Die Leute gehen im Jogginganzug, also quasi im Pyjama, mit ihrem Hund Gassi, hausschuhähnliche Schlappen an den Füßen; andere führen sich, egal, wo sie stehen, wo sie gehen, ein Würstchen, ein Brötchen, ein Riegelchen zu Gemüte, sie enthäuslichen das Essen, das lange geschlossenen Räumen vorbehalten war; und selbst Bankgeschäfte werden heute im Vorübergehen am Automaten abgewickelt. Das Spezifische des Ortes verliert sich, alles kann überall geschehen. Mehr als Bewohner sind wir mittlerweile Passagiere der Städte: unterwegs zu Hause und zu Hause unterwegs. Eingebunden in ein enges Netz aus Informationsschnüren, ständig verfügbar über Fax und Internet, immer auf dem Sprung zum nächsten Kurztrip, erleben wir, wie sich unsere Vorstellung von Entfernung in doppelter Hinsicht wandelt - mit der räumlichen Distanz schrumpft auch das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Distanzierung. Immer unscheinbarer wird der Unterschied zwischen der guten Stube und dem gutbürgerlichen Marktplatz, schleichend wird der öffentliche Raum privatisiert.

Leben ohne Distanz und ohne Nähe

Die Stadt ist also am Ende, könnte man meinen. Und doch kann von einer Krise des Städtischen keine Rede sein. Essayisten und Theoretiker hatten zwar gewarnt, dass durch Mega-Malls und Überwachungskameras das öffentliche Leben Schaden nehmen könnte. Das Gegenteil aber ist wahr: Es gibt mehr Straßencafés und mehr Straßenkunst denn je; die Zahl der Designerbänke, -mülleimer und -laternen ist unermesslich; und nie zuvor wurden die Städte intensiver als Spiel- und Sportstätten für Skateboarder oder Jogger genutzt. Und nicht nur die konsumierende, die flanierende und die sich körperlich erhitzende Öffentlichkeit erweist sich als lebendig. Auch der politische Mensch nimmt sich seinen Raum: Keine Demonstration, die wegen der neuen Einkaufszentren nicht hätte organisiert werden können.

Von einer Einschränkung des öffentlichen Lebens, einer drohenden Uniformierung zu reden wäre mithin falsch. Wenn sich dennoch ein Unbehagen breit macht, dann vielleicht deshalb, weil die Stadt immer mehr war als nur das Nebeneinander einer Vielzahl verschiedener Öffentlichkeiten. Zumindest war dies die Utopie der Stadtfreunde: dass sich im städtischen Raum auch eine Gemeinschaft der Bürger konstituieren würde, die das Gleichgültige unterschiedlichster Lebensentwürfe überwölben würde. Doch der Traum von der Vielheit in Einheit, von heterogener Homogenität, ist ein Traum fern der Wirklichkeit. Die Bindung der Menschen an einen Ort, an einen Partner, an eine Überzeugung lockert sich; die Verbindlichkeit der gesellschaftlichen Institutionen verliert weiter an Kraft. Überall bilden sich neue, kleinere Formen der Gemeinschaft, das große Ganze hat sich für viele erübrigt. Überspitzt könnte man sagen: Wir sind durch nichts mehr getrennt - aber auch durch nichts mehr verbunden. Weil die Nähe verloren ging, braucht es keinen Abstand mehr. Deshalb ist die Grenze zwischen Publik und Privat überflüssig geworden.

Müssen wir uns also von der Hoffnung verabschieden, der urbane Raum könnte die Menschen emanzipieren und integrieren? Was sollte ein Stadtplaner ausrichten können gegen die Auflösung der Gesellschaft? Einzig das Bundesbauministerium, das jüngst eine umfängliche Studie zum Thema öffentlicher Raum in Auftrag gab, sieht in den Städten noch "Orte des Austauschs, der zufälligen Begegnung, des Kennenlernens". In Wahrheit aber wissen wir, dass es für diesen Austausch nicht zwingend des öffentlichen Raums bedarf; längst gibt es dafür im digitalen Zeitalter andere, ortlose Möglichkeiten. Und wir ahnen, dass die Konfrontation mit dem Fremden, dem Anderen, dass dieser alte Traum der Aufklärung sich allzu oft als Illusion erwiesen hat.