Bevor Ingeborg Groß ihr Büro in der Großmarkthalle schließt, stülpt sie dem Computer eine Wollmütze über. Obst und Gemüse mögen die Kälte, aber die elektronische Buchhaltung darf nicht einfrieren. Die Bilanzen sehen ohnehin schlecht genug aus seit dem Tod ihres Mannes. Jakob Groß, der vor 50 Jahren gegründete Familienbetrieb, wirft nicht mehr viel ab. Trotzdem steht Frau Groß jeden Tag um vier Uhr auf, fährt nach München, verhandelt sieben Stunden zwischen Äpfeln und Mandarinen mit Händlern, die nur Billigstware kaufen. Aufhören will die 69-Jährige nicht. Der Obsthandel ist die letzte Verbindung zur Welt ihres Mannes. Jeder in der Großmarkthalle hat ihn gekannt. Hier ist sie die "Groß Witwe".

Witwen bleiben Witwen, die meisten für immer, viele endlos lange. Im Gegensatz zu Witwern: die sind nicht nur eine marginale Gruppe, weil Männer oft deutlich älter sind als ihre Ehefrauen und zugleich eine niedrigere Lebenserwartung haben. Witwer wollen auch möglichst schnell neu heiraten. Frauen dagegen bleiben im Durchschnitt über 14 bis 15 Jahre allein. Das ist ein prägender Lebensabschnitt. In 15 Jahren kann man Abitur machen oder ein Kind großziehen. Wie leben diese sechs Millionen Frauen?

In der Öffentlichkeit gibt es tapfere Kriegerwitwen, die Witwe Bolte, die Witwen vom 20. Juli, Politikerwitwen, Unternehmerwitwen, Gesellschaftswitwen ("falsche Tränen am offenen Grab"), Künstlerwitwen (gefürchtet). Witwen ohne Attribut aber gibt es praktisch nicht. Sie bieten keinen Stoff fürs Fernsehen oder fürs Feuilleton, außer sie schänden oder zerstören das Erbe ihres Mannes, was Journalisten dann gern zur lustigen Metapher von der indischen Witwenverbrennung greifen lässt. Wenn der Mann tot ist, dann gehört die Frau auch schon ein bisschen zum Schattenreich.

"Er könnte morgen kommen, alles wäre noch da"

Auch Soziologen sind nicht sonderlich interessiert. Pflichtschuldig tragen sie ein paar Daten zusammen. 10 Prozent der Deutschen sind verwitwet, davon sind 85 Prozent Frauen, davon wieder 85 Prozent über 60 Jahre alt. Eine Frau wird durchschnittlich mit 68 Jahren Witwe. Die meisten haben ein mittleres oder höheres Einkommen, ihre Wohnverhältnisse sind gut oder ausreichend, nur ein Fünftel bezeichnet sich als einsam, obwohl nach wissenschaftlichen Kriterien ein Drittel wenig Kontakte pflegt. Dieser Widerspruch wird schon nicht mehr aufgeklärt. Unter Psychologen ist von Trauer die Rede, von der richtigen Trauerarbeit wohlgemerkt, die säuberlich in Phasen unterteilt wird. Aber was kommt dann?

Ingeborg Groß besucht eine Osteoporosegruppe, eine Volkstanzstunde, einen Hundeverein und den kirchlichen Seniorenclub. Da werde sie zum ersten Mal in ihrem Leben bedient, erzählt sie in einem ungeheizten Raum der Großmarktverwaltung, Bedientwerden könne sie nur schwer akzeptieren. Wenn man sie nach ihrem Lebensgefühl als Witwe fragt, schaut sie aus dem Fenster ins Schneetreiben. Ihre Ehe hätte 40 Jahre gedauert, wäre ihr Mann nicht wenige Monate vor dem Jubiläum gestorben. Mit Arbeit angefüllte 40 Jahre: sie im Telegrafenamt, er im Gemüsehandel, im Haushalt ging es weiter mit sieben Kindern. Es war eine Ehe ohne gemeinsame Freizeit, ohne abendelange Gespräche, mit wenigen Freunden, einem Urlaub in Jesolo pro Jahr. Fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes geht es ihr "noch immer schlecht. Die Zeit, die wir miteinander gehabt hätten, wäre erst noch gekommen."

Die Kinder besuchen sie. Wenn sie Lust haben - darauf legt Frau Groß Wert. Im ersten Jahr nach dem Tod ihres Mannes nahm sie ein Enkelkind bei sich auf, weil ihre Tochter arbeiten musste: "Der Körperkontakt zu dem Baby hat mir viel Trost gegeben." Wenn sie nicht arbeitet oder zu den Seniorentreffen geht, sieht sie fern. Viel zu viel, findet sie. Jeden Tag denkt sie, dass sie den unrentablen Obsthandel schließen sollte. Aber wenn sie dann morgens das Schild mit dem Namen Jakob Groß sieht, kann sie es wieder nicht. Ihr Lächeln verrät, sie weiß, sie sollte loslassen. Trotzdem, auch die Kleider ihres Mannes werden im Schrank hängen bleiben. "Er könnte morgen kommen, und alles wäre noch da."