Zumindest die Organisatoren können zufrieden sein, dass die Umstellung von D-Mark auf Euro so glatt gelaufen ist. Mal abgesehen von den überfüllten Bankfoyers am 2. Januar. Teilweise setzten die Filialen sogar Ordner ein, um des Ansturms der wechselwilligen Kundschaft Herr zu werden. Die Leute standen an Geldautomaten und Kassenschaltern an - teilweise 30, 40 Minuten lang, als ob es morgen keinen Euro mehr gäbe. Als ob nicht noch zwei Monate lang Zeit wäre, das Geld zu wechseln, als ob man nicht auf hundert bequemere Weisen an das neue Zahlungsmittel käme. Sie standen also nicht aus Notwendigkeit, sondern aus purer Lust am Anstehen an. Und das ist kein Zufall, sondern bestätigt nur einen alten Verdacht: Der Deutsche liebt Stau und Schlange.

Wie sonst ist es zu erklären, dass sich zwei Tage vor Weihnachten trotz tagelanger Warnungen vor dem Verkehrskollaps, Hunderttausende von Menschen auf die A 9 begeben - genau jene Route, vor der so ausdrücklich gewarnt wird?

Sie stehen im Grunde ganz gern im Stau. Natürlich keine 18 Stunden lang, das dann auch nicht. Aber dass das Chaos so ausufern würde, konnte ja auch keiner ahnen. Ein, zwei Stündchen nehmen die meisten willig in Kauf, denn so ein Stau hat auch viele schöne Seiten. Man lernt Menschen kennen. Ringsumher nur Schicksalsgenossen, mit denen man viel gemeinsam hat, vor allem Gesprächsstoff. Ganz ungezwungen von Fenster zu Fenster. So manche lebenslange Freundschaft, wenn nicht sogar Liebesgeschichte, hat auf diese Weise begonnen. Zweiter großer Vorteil: Man ist für ein paar Stunden mal aller Verantwortung enthoben. Dieses Gefühl, für absehbare Zeit keine eigene Entscheidung treffen zu müssen, ist für viele der erholsamste Moment des ganzen Urlaubs. Es geht so weit, dass diejenigen, die nicht in dem Stau stecken, von Neidgefühlen heimgesucht werden und herbeieilen. Im Falle des A 9-Desasters fanden sich Hunderte Stautouristen ein, behinderten die Arbeit der Rettungskräfte und mussten am Ende selbst mit Tee und Decken versorgt werden. Sie kamen, weil sie dazugehören wollten. Weil sie Teil der Nachrichtenlage sein wollten. Genauso wie die Euro-Wechsler am 2. Januar.

Mitleid ist also genauso fehl am Platz wie der Versuch, die Schlangesteher durch Aufklärung vor ihrem Los zu bewahren. Man brächte sie nur um ihr klammheimliches Vergnügen.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD