Aus heiterem Himmel scheint die Sonne über Coney Island, und eine Völkerwanderung setzt ein, als wolle sie mit einem Ruck das Eis des Winters sprengen. Der alte Boardwalk, im Fächermuster genagelt wie ein Tanzparkett, wird zu einem langen Bootssteg für all die Schiffbrüchigen und die Meereshungrigen, die hier für ein paar Stunden anlegen. Miniaturhunde in wollenen Winterkleidern werden ausgeführt

tintenfleckige Doggen setzen auf hohen Beinen fliegenden Stöcken und Bällen nach, bleiben knurrend am Wasserrand stehen, die Pfoten steif in den Ausläufern der Wellen, die ihnen noch kalt und unheimlich sind. Unter den Sohlen der Strandgänger knirschen die zerschmirgelten Muscheln, im Perlhauch der verlassenen Schalen fängt sich das Licht.

Was ist das für ein Ort, von den Holländern einst harmlos Kanincheninsel getauft? Nicht mehr als ein schmaler Sandstreifen im Süden Brooklyns, der alle Konjunkturen New Yorks überlebt und sich deren Wahrzeichen ungerührt einverleibt hat, verrostete Relikte nun, baufällige Häuser, Schilder, Tafeln, Fotografien, in denen sich die Zeiten so seelenruhig überlappen wie die Wellen, die an Land schlagen.

Von den drei Hotels der High Society, die zur vorletzten Jahrhundertwende hier aufragten wie gestrandete Dampfer, ist nichts geblieben als ein vergilbtes Badehäuschen. In der Clam-Bar, einer Strandbude mit Windfang und von Salz zerfressenem Inventar, hängen die Reproduktionen der großen Schaumeile, die das Publikum anzog: die sonnenbeschirmten Damen mit ihren Kofferträgern vor dem Portal des Brighton Beach

die Besucher der Casinos und der Pferderennbahn, schon die Halbwelt darunter. Und dann das Aus: geschlossene Etablissements, verwaiste Tribünen. Die kurze Handbewegung des Mannes hinter der Bar signalisiert Spekulation, Korruption. Das Dreamland-Feuer, sagt der Gast in der groß karierten Jacke, das hat die reichen Leute verjagt. Und der Löwe. Sie haben den Löwen, der damals ausgebrochen ist, erst neulich gefunden, haben seine Knochen irgendwo ausgebuddelt, hundert Jahre alt. Und er war das größte Exemplar, das es je auf Gottes Erdboden gegeben hat!

Zwischen Neugier und Hypnose

Was ist das Traumland gewesen? Ein riesiges Areal von Weltwundern, von verwegenen Karussells, dressierten Tieren und Monstern, von den Massen bestaunt, die sich aus dem F-Train nach Coney Island ergossen, ihre Gemüter an den Horrorsensationen erhitzten, um sie gleich darauf im Meer wieder abzukühlen. Ein Zustrom, der in den vierziger und fünfziger Jahren seinen Zenit erreichte, als knapp eine Million Menschen sich sonntags an diesem Strand verknäuelten, buchstäblich, ohne Platz zu haben, ein Handtuch unter sich auszubreiten.