Es gibt Romane, denen langsames Lesen nicht gut bekommt. Um den sechsten Roman des 50-jährigen Martin Mosebach (Der Nebelfürst) muss man sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen. Das Buch ist stilistisch wie inhaltlich in den Einzelheiten mit einem so unwahrscheinlichen Raffinement gearbeitet, dass es zu langsam genießender Lektüre förmlich einlädt. Seite für Seite kann man sich an glücklichen Wendungen und eleganten Vergleichen erfreuen, ganz zu schweigen von Mosebach Künsten im Umgang mit dem Satz. Dieser Autor spielt so gekonnt mit den Nuancen und Variationen des deutschen Satzes, er kann die Tonfälle seines Erzählers und seiner Figuren so fabelhaft modulieren, und er kann aus den Folgen seiner Sätze so wohl balancierte Abschnitte und so tadellos gefügte Kurzkapitel bauen, ganze 42 auf 350 Seiten, dass man bisweilen versucht ist, von allem Inhalt abzusehen und sich einfach dem stilistischen Faltenwurf dieses Formkünstlers hinzugeben.

Wenn man dieser Versuchung nicht nachgibt, so liegt es daran, dass die inhaltlichen Einzelheiten des Romans seinem formalen Reichtum in nichts nachstehen, ja dass die beiden aufs glücklichste zusammenwirken. Mosebach erzählt in tausend mit kulturgeschichtlicher Kennerschaft gewählten Details und Facetten und im gekonnt pastichierten, dazu passenden altmodischem Tonfall eine Hochstaplergeschichte aus den späten 1890er Jahren des Deutschen Reichs.

Ein voluminöses Wesen namens Helga Hanhaus bestimmt einen Journalisten, vor allem aber tumben Toren namens Theodor Lerner dazu, der halben Welt die sagenhaften Vorzüge einer sagenhaften Expedition auf die sagenhafte Bäreninsel in der Gegend von Spitzbergen vorzugaukeln. Kohle soll dort zu finden sein, ein Fleckchen deutscher Kolonialerde natürlich auch

später, als die Kohlengeschichte nicht mehr zieht, versuchen die beiden, dem Berliner Zoodirektor reiche Eisbärenvorkommen aufzubinden. Aus allerhand Kreisen pressen sie mit allerhand Kniffen allerhand Geld, einmal bringen sie es sogar zu einer Fahrt auf die Insel, doch am Ende reicht es, wie es Hochstaplern so geht, zu gar nichts mehr, und das Paar Hanhaus/Lerner fällt auseinander.

Mosebach bringt alle erdenklichen Milieus des wilhelminischen Deutschland zu leuchtender Anschaulichkeit, Adelssalons und Luxushotels kommen uns ebenso vor Augen wie Armeleutemansarden und eine recht lebensecht geschilderte Fahrt in die polare Inselgegend. Und nichts bleibt dabei vag und allgemein.

Mosebach kann Gerüche und Farben in Worte fassen, dass es ein Vergnügen ist.

Er legt bei den Einzelheiten keine falsche Sparsamkeit an den Tag. Seine Frauengarderoben kann man nachnähen, und mit seinen stilechten Accessoires ließe sich ein beachtlicher Theaterfundus füllen. Dafür, dass es uns nicht langweilig wird, sorgt der zart satirische Wind, den der Autor durch alle Kapitel streichen lässt, dafür sorgen die Knalleffekte und Handlungsperipetien, und dafür sorgt schließlich das Stirnrunzeln über kolonialen und wirtschaftlichen Größenwahn, zu dem einen dieses Buch ohne alle Verkniffenheit dauerhaft anregt.