Die Botschaft des Artikels lautet: Amerika hat uns wieder befreit und unsere kostbare Kultur und Lebensart verteidigt, die sich zu verteidigen lohnen. Diese Botschaft kann man teilen, im andern Fall mindestens tolerieren, denn schließlich ist der Gipfel aller gelungenen Kommunikation, dass wir uns einig darüber sind, uneins sein zu dürfen.

Dennoch finde ich einen Aspekt an diesem Artikel nicht tolerierbar: diese maßlose Einseitigkeit, diesen totalen Mangel an Kritik und Selbstkritik, diese ideologieartige Verbreitung westlicher allgemein- und allein gültiger Werte.

Die Kapitalismus- und Amerikakritik sind Herrn Joffe vertraut, sagt er, ich kann das kaum glauben, denn ich höre keine Andeutung von Macht, Herrschaft und Lebensdefinition des Privatkapitalismus, der den Menschen instrumentalisiert und ihn auf Profitieren, Funktionieren, Konsumieren programmiert. Ob das partiell, total oder tendenziell richtig ist, mag hier offen bleiben. Tröstlich dagegen eine Teilbestätigung dieser Behauptung: Man braucht sich nur auf Seite 2 derselben Ausgabe der ZEIT Naomi Klein in Erinnerung zu rufen, und man lese die Fakten in ihrem Buch No Logo, um die Fehlleistungen unserer Kultur und Lebensart zu erahnen. Und sie ist nicht die Einzige in der Neuen Welt, die mahnt, ich nenne einige wenige, die wichtig sind: Al Gore in Wege zum Gleichgewicht, Noam Chomsky in Wirtschaft und Gewalt, William Greider in Endstation Globalisierung und George Soros in Die Krise des globalen Kapitalismus. Auch wenn man ihre Kritik nicht teilt, muss man sich damit auseinander setzen, und wer sie überhören oder wegdekretieren will, scheidet aus dem Kreis ernst zu nehmender Diskutanten aus.

Ich höre auch nichts von Gerechtigkeit. Gerechtigkeit? Ja! Im Kleinen oder im Großen oder auch im Ganzen? Bitte alle drei, denn das Wahre ist das Ganze, und das Ganze ist nicht die westliche Nordhalbkugel. Kein Wort vom Gerechtigkeitsproblem im Großen und Ganzen.

Dass wesentliche Teile unserer Kultur und Lebensart - sofern damit vor allem Freiheitsrechte und Rechtsstaatlichkeit gemeint sind - sich zu verteidigen lohnen, will ich gern und selbstverständlich unterschreiben

dass unsere Kultur und Lebensart aber dringend und drängend von ihren Fehlleistungen befreit werden müssen - das wäre für mich die ganze Wahrheit.

Kein Wort davon im Leitartikel. Kein Gegengedanke zum Gedanken, kein Kontrapunkt zum Punkt, dabei sollte man laut Konrad Lorenz jeden Morgen die geistig-gymnastische Übung machen, die eigenen lieb gewonnenen Vor-Urteile durch die Behauptung des Gegenteils auf die Probe zu stellen.