Würde man die Herren Witzigmann, Biolek, Lafer oder Siebeck gern nackt sehen - beim Gemüseputzen, am Herd, bei Tisch? Nicht unbedingt. Ganz anders verhält es sich mit Jamie Oliver, dem 26-jährigen Star der neuen britischen Kochszene: Der naked chef, so Jamies Küchenname, weckt durchaus Gedanken an den Nachtisch. Der Junge sieht aus wie der erste Edelpunk des Kochens: fadenscheinige Jeans, adidas-Turnschuhe, Kapuzenpullis mit Aufschriften wie Blödmann. Kammentwöhnte Haare, zu lang, Puddingschüsselschnitt, manchmal hochgegelt zur Max-und-Moritz-Schockfrisur.

Kumpelhafter Cockney-Akzent und zweideutige Sprüche: Es gibt nichts Schlimmeres als schlappe Zucchini. Und das Lächeln, mmmmhhhhh.

Nackt kochen? Kommt gar nicht in Frage, sagt Jamie grinsend. Es geht um das Essen, nicht um mich. Sein einziger leicht bekleideter Kocheinsatz - zu Hause, für die Freundin und heutige Ehefrau Jools - geriet zum Desaster, der heiße Dampf aus dem Backofen wallte unter seine Schürze. Nein, nackt beschreibt nicht den Koch, sondern dessen Programm: einfache, klare Gerichte aus besten Zutaten. Die Basis seiner Küche ist italienisch, aber Indien, Thailand, China und Arabien werden ohne Umstände in ein globales kulinarisches Patchwork eingemeindet.

Suggestives Fingerschlecken

Der junge Chef ist erfolgreich: Seine beiden Kochbücher The Naked Chef und The Return of the Naked Chef erreichten zusammen eine Auflage von mehr als drei Millionen. Der dritte Band, Happy Days with the Naked Chef, steht wenige Wochen nach dem Erscheinen in Großbritannien bereits auf den Bestsellerlisten. Kaum ein besseres Restaurant in London verzichtet zurzeit auf die Ausstellung irgendeiner Reliquie, die beweist, dass Jamie hier war oder gar einen Vorschlag zur Speisekarte gemacht hat. Seine BBC-Fernsehserie entwickelte sich zu einem Straßenfeger und wurde in 34 Länder verkauft - als erstes britisches Kochprogramm auch nach Spanien, Italien und Frankreich. Das Merchandising-Fieber macht vor der Küchentür nicht halt: Schon gibt es eine Jamie-Oliver-Geschirrserie (Royal Worcester). Bei uns erscheint Genial Kochen mit Jamie Oliver im Februar im Verlag Dorling & Kindersley.

Warum?, würde Bridget Jones fragen, warum, warum? Weder exzellente Küche noch Sex-Appeal sind Dinge, die Resteuropa automatisch mit Großbritannien assoziiert. Aber das ist eine überholte kontinentale Sichtweise. Seit zehn, eher sogar fünfzehn Jahren gibt es in London eine bunte, spannende Szene der Spitzenköche und Gourmetrestaurants, quellen die Buchläden über vor Kochbuch-Neuerscheinungen, reiht sich eine Kochshow an die andere. Delia Smith war 1973 eine der ersten Fernsehköchinnen, die den Blick der Briten sanft über den insularen Tellerrand hinauslenkte

Nigella Lawson hat das suggestive Fingerabschlecken bei der Fernsehzubereitung einer chocolate mousse eingeführt