Mit Adorno ist dem schönen Gigolo kaum beizukommen, dem kleinen Gardeoffizier schon gar nicht, und beim Fräulein Helen würde er völlig abblitzen. Ein Surrogat sei der Schlager, meinte der Frankfurter Experte für leichte Muse: "Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müßten sie haben." Pralle Realität aus erster Hand verströmen die hier versammelten Schlager. Substitutionsgefühle werden nicht zugelassen, und wenn hier jemand schwelgt, dann schräg gebrochen. Dies ist eine Besonderheit der 24 präsentierten Schlager, die andere ist weitaus gewichtiger: Die Texte werden gesprochen, nicht gesungen.

Einen alten Zaubertrick aus dem Entlarvungskabarett könnte man da vermuten: Gesprochen wirkt der Schlager noch dümmer, als wir schon immer vermuteten.

Doch hier ist alles anders. Dies liegt zum einen an der Liebe, mit der ein Sachkundiger auswählte, zum anderen an den Künstlern und drittens an den - vorwiegend jüdischen - Komponisten und Textern. Der Theaterkritiker und Dramaturg Michael Skasa bat Schauspielerinnen und Schauspieler, die Texte der Schlager so zu sprechen, als handle es sich um Balladen, Monologe oder Gedankenlyrik der deutschen Großmeister, und dabei die blanken Melodien möglichst zu vergessen (obwohl diese vom Spardosen Terzett als instrumentale Spickzettel nachgeliefert werden). Also schnauft Mario Adorf Hammse nich 'ne Braut für mich?, echauffiert sich eine offenbar voll in Maier verknallte Sunnyi Melles über dessen Schicksal am Himalaya, läuft Thomas Holtzmann hörbar der Seier, wenn er bekennt: Ich habe das Frl. Helen baden sehn, komprimiert Hans Korte im Kriminal Tango ein ganzes Hörspiel auf zwei Minuten und brilliert Rosemarie Fendel mit einem unglaublichen Dreiakter zu Leb wohl, mein kleiner Gardeoffizier. Kein Hauch von Bosheit, keine Satire und deshalb tiefstes Vergnügen.

Und Erotik. Wo sonst die Melodie manche Schärfe überspielt, herrscht gesprochen eindeutige Zweideutigkeit. Warum die eine ausgerechnet Bananen will, eine andere nur jemand mit "gutem Holz", wem da der "Spargel wächst" und was der Hans mit dem Knie macht, scheint ebenso offensichtlich wie die Feststellung, dass der Gigolo einst "der beste Reiter" war. Man hört beinahe das Gras wachsen. Was es wohl mit dem "Segeln gehn" auf sich hat? So heftig wie mit dem Josef, ach Josef, dem schon Karl Kraus 1923 eine große Karriere vorhersagte - und gegen den das Birkin/Gainsbourgsche Je t'aime fast harmlos wirkt - muss es nicht immer sein. "Oh", stöhnt er zum wiederholten Male, als sie ihm an "den Zipfel ... (Pause des Interpreten) seines Mantels" greift (im Original von Fritzi Massary und Max Pallenberg nicht minder anschaulich synkopiert vorgetragen).

Der Schlager in seinem besten Sinne - die Einsicht wächst Stück um Stück - ist der Blues des deutschen Volkes. Aber von Juden komponiert. Die Mehrzahl der Stücke wurde vor 1945, besser 1933, geschrieben und getextet und markiert den tragischen Aspekt dieses Aberwitzes der Kulturgeschichte. Fritz Löhner-Beda (Autor von Land des Lächelns oder Blume von Hawaii) ließ die arischen Deutschen Ausgerechnet Bananen, Was machst du mit dem Knie?, Wo sind deine Haare, August? oder In Nischni-Nowgorod singen und starb dafür 1942 in Auschwitz, Grünbaum (Ich habe das Frl. Helen baden sehn) in Dachau, Grünwald (Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?), Rotter (Maier am Himalaya, Veronika), Heymann (Ein Freund, ein guter Freund), Gilbert (Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn), Robert Stolz (Was kann der Sigismund dafür?)

emigrierten und mit ihnen das Anzügliche und Witzige. Zurück blieb der arische Humor, der zwar schallend lachen, aber ebenso blitzschnell in tödlichen Ernst umschlagen kann. (Wem sie bisher entgangen ist, dem sei die Doppel-CD Populäre jüdische Künstler - Berlin, Hamburg, München sowie Wien 1903-1936 empfohlen. Trikont US 291/292

siehe: ZEIT-Literaturbeilage vom November 2001, Seite 78.)