So paradox es klingt: Ihre politische Kraft schöpft diese ungewöhnliche Autobiografie aus ihren eher unpolitischen Passagen. Liebevoll werden darin Figuren beschrieben, die sich trotz ihrer Begeisterung für die chinesische Revolution ein Stück persönlicher Freiheit erhalten wollen und die gerade durch ihre menschlichen, allzu menschlichen Sehnsüchte, Vorlieben, aber auch Schwächen die ganze Brutalität - und: Absurdität - eines ideologischen Purismus entlarven.

Der Autor zum Beispiel, Spross einer chinesischen Intellektuellenfamilie, entflammt zwar schon als Schüler für die Ideen Mao Tse-tungs, doch Jitterbug, der Tanz des amerikanischen Klassenfeindes, fasziniert ihn ebenfalls. Da er zu den USA überhaupt eine differenzierte Haltung hat, brandmarken ihn linksradikale Kommilitonen der Fremdsprachen-Hochschule in Peking prompt als "Feind des Volkes". Im Alter von 18 Jahren wird er, weil er sich zum christlichen Glauben bekennt, zu seiner ersten "Selbstkritik" gezwungen. "Ich fühlte mich", schreibt er, "wie vor dem jüngsten Gericht."

Auch Yuqian Kuans beruflicher Einstieg als Dolmetscher im Pekinger Finanzministerium ist geprägt von ideologischer Willkür: Aus dem russischen Experten, mit dem er sich Anfang der fünfziger Jahre anfreundet, wird, als Peking mit Moskau bricht, ein politischer Feind. Als er betroffen auf den Selbstmord eines zum "Rechtsabweichler" gestempelten Kollegen reagiert, erklärt ein Vorgesetzter lapidar: "Klassenkampf ist immer brutal. Solche Leute verdienen kein Mitleid."

Der Kampagne gegen bürgerliches Gedankengut fällt Yuqian Kuan schließlich selbst zum Opfer. Weil jede Einheit eine bestimmte Quote erfüllen muss, verbannt man auch ihn für vier Jahre in die abgelegene Provinz Qinghai, wo er, vom Idealisten zum Fatalisten gewendet, als Reporter eines Propagandablattes frisierte Erntestatistiken bejubelt und sich, in einem auch für den Leser glücklichen Moment erotischer Subversion, ausgerechnet von einer tibetischen Modellarbeiterin verführen lässt.

Endlich zurück in einer Pekinger Amtsstube, verschlägt es Yuqian Kuan in die Hölle der von dem Weltverbesserer und Menschenverächter Mao entfachten Kulturrevolution. Als Rote Garden Hassgesänge gegen ihn anstimmen, stiehlt er den Pass eines japanischen Besuchers und flieht unter abenteuerlichen Umständen mit einem pakistanischen Flugzeug nach Kairo. Während er dort ein Jahr im Gefängnis auf eine Entscheidung der Behörden wartet, wird seine in Peking zurückgelassene Familie in Sippenhaft genommen. "So saß ich", berichtet ihm später sein Bruder, "sechs Jahre einfach so im Gefängnis, ehe ich schließlich, auch wieder ohne Angaben von Gründen, frei kam."

Yuqian Kuans zweiter Himmel wölbt sich über der Bundesrepublik, die ihn Ende der sechziger Jahre aufnimmt und ihn sogleich mit seiner traumatischen Vergangenheit konfrontiert. Der Amtsträger, der ihn auf dem Frankfurter Flughafen in Empfang nimmt, schwärmt von Maos Kulturrevolution, deren Banner Yuqian Kuan auch von den Wänden der Universität Hamburg entgegenleuchten, wo er zunächst als Hilfskraft unterkommt.

Nach Jahren voller Schuldgefühle gegenüber seiner Familie und Heimat findet er als Lektor, Lehrer und Publizist endlich die innere Ruhe, ohne die er dieses von der ersten bis zur letzten Seite fesselnde Buch nicht hätte schreiben können.