Die Allgegenwart der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum - als anerkannte Kapazität des Fachs und öffentliche Intellektuelle zugleich - hat schon fast etwas Romanhaftes, ein bisschen wie von David Lodge erfunden.

Die ausgebildete Altertumswissenschaftlerin hat sich als Moralphilosophin in der Tradition des Neoaristotelismus einen Namen gemacht. Hierzulande gilt dies typischerweise als eine "rechte" Position. Nussbaum aber bemüht sich um eine Rekonstruktion der aristotelischen Ethik von links. Sie hat zupackende Essays über Feminismus und die Diskriminierung Homosexueller, über Entwicklungspolitik, Bildungsreform und Gentechnik publiziert. Amerikanische Feministinnen brachte sie mit einem Angriff auf die Gender-Theoretikerin Judith Butler gegen sich auf, die akademische Linke durch ihre Charakterisierung des Hausheiligen Jacques Derrida als "irrelevant". Die christliche Rechte wiederum schockierte sie als Expertin für klassische Literatur bei einem Prozess über Schwulenrechte: Dort widersprach sie der Meinung, Plato lehne die Homosexualität ab. Nussbaum tritt auf Kongressen in aller Welt auf, sie ist berühmt für ihre Ausdauer beim Joggen und bekennt sich als Konvertitin aus dem Ostküsten-Protestantismus zum Reformjudentum als ihrer Wahlreligion. Kein Wunder, dass die heute 57-Jährige zur einzig ernst zu nehmenden Anwärterin auf den seit Hannah Arendts Tagen verwaisten Meisterdenkerinnen-Thron wurde. Nur fehlt ihr noch das ganz große Werk.

Soeben ist ihr dickleibiges Buch über die "Intelligenz der Gefühle" erschienen, betitelt Upheavals of Thought, was man in etwa mit "Umwälzungen" oder "Aufwallungen" des Denkens übersetzen müsste. Ob dies schon der große Wurf ist, bleibt allerdings zweifelhaft. Während die Fachöffentlichkeit noch an den 760 Seiten zu kauen hat, schreibt Nussbaum bereits, wie zu erfahren ist, an einer philosophischen Grundlegung des Weltbürgertums. In der linken Monatszeitschrift The Nation hat sie einen Vorgeschmack darauf ermöglicht. In einem Leitartikel zur aktuellen Lage hat sie dort die Unfähigkeit des amerikanischen Patriotismus zum Mitgefühl (compassion) mit dem Rest der Welt kritisiert. Allerdings wäre es auch interessant gewesen, den Anspruch der Nation-Linken auf die politische Alleinvertretung von Mitgefühl zu prüfen: Heft um Heft hat man hier den Unwillen manifestiert, auf die Herausforderung der letzten Monate anders als durch die Repetition altbekannter Topoi von der Globalisierung als moderner Urschuld sowie von Amerika als Schurkenstaat zu antworten - eine bemerkenswerte Demonstration von Hartherzigkeit und Engstirnigkeit.

Womit wir bei der Frage nach der Intelligenz der Gefühle wären, die Martha Nussbaum in ihrem neuen großen Werk umtreibt. Natürlich will Nussbaum nicht, wie es heute in populären Lebenshilfebüchern geschieht, irgendeine diffuse "emotionale Intelligenz" als Ausweg aus der Sackgasse moderner Vereinseitigungen anpreisen. Nussbaum wendet sich gegen die Abwertung der Gefühle in der dominanten Linie der westlichen Denktradition, in der Emotionalität vorwiegend als Störfaktor der Vernunft, des freien Räsonierens und Verhandelns betrachtet wurde. Nussbaum versteht im Gegenzug dazu "Gefühle als Wertschätzungen oder Werturteile, die Dingen und Personen außerhalb des Kontrollbereichs der Person große Wichtigkeit für die eigene Entfaltung dieser Person beimessen".

Emotionen sollen als Urteile gesehen werden: Damit soll es möglich werden, Emotionalität als Teil unseres aktiven Lebens anzusehen, der nicht per se im Widerspruch zu unserer Selbstvervollkommnung steht, sondern im Gegenteil sogar in ihrem Dienst stehen kann. Gefühle sollen wir als eine Dimension unserer Urteilskraft ansehen lernen, die sich mit dieser entwickeln kann (und muss). Emotionen müssen also, wie alle Urteile, zugänglich für Rechtfertigung oder Widerlegung sein.

So sympathisch der Versuch ist, Gefühle als etwas zu verstehen, das mittels vernünftiger Kritik durchdrungen werden kann: Die Nussbaumsche Rehabilitierung der Emotionalität als ein Mittel der Selbstperfektionierung hinterlässt dann doch das Gefühl, in Wirklichkeit eine Verharmlosung ihrer Macht zu sein. Selbstvervollkommnung ist sicher eine feine Sache. Aber ein gewisser Respekt vor dem Teil unserer Ausstattung, der sich solchem Herummodeln hartnäckig widersetzt, kann auch viel Gutes tun.

Nicht ohne Grund sind ausgerechnet die Lehrjahre des Gefühls Flauberts schwärzestes Buch.