Eigentlich hat Franz West ein sicheres Gespür für den Showeffekt.

Hundertwasser-bunt bezogene Sofareihen auf dem Dach des New Yorker Dia-Art-Center, ein ganzes Auditorium mit spillerigen Stühlen für die documenta IX in Kassel, grillrostähnliche Lagerstätten vor den Meisterwerken im Kunsthistorischen Museum in Wien: Irgendeine Sensation gelingt dem Künstler meist, und das hat ihn zu einem der Ausstellungsbestseller der letzten Jahre gemacht. Franz West: der öffentlich grantelnde Österreicher, ein Aktionist wie weiland sein Landsmann Hermann Nitsch, doch ohne Blut und Weihwasser.

Zwei Spezialitäten machten Franz West berühmt. Zum einen das Einrichtungswerk: ein Lieblingsthema, an dem sich zurzeit auffällig viele Künstler reiben, als ginge es darum, eine Gegenwelt zum allgegenwärtigen, durchgestylten Design-Universum zu liefern. Oder ein Nest in die lieblose Gegenwart zu bauen. Oder mit angewandter Kunst lukrative Aufträge an Land zu ziehen. Für Franz West, der solche Irrlichtereien liebt, ist sein aus Armiereisen zusammengeschweißtes Trash-Mobiliar Kunst zum wortwörtlichen Besitzen.

Zum anderen die unförmigen Passstücke: aus Gips geformte absurde Prothesen und Körperverlängerungen, mit denen Ausstellungsgäste wie auf einem Kindergeburtstag hantieren sollen. Doch meist stehen sie herum wie die abgelegten Teile einer Rüstung und erinnern schwach, ganz schwach an jene akademischen Gipsmodelle, die der Künstler abzeichnete, um seinen Beruf von der Pike auf zu erlernen. Ach täte er es doch heute auch noch!

Im Augenblick bestreitet das Showtalent Franz West eine Doppelinszenierung, belieferte das Museum für Angewandte Kunst in Wien, abgekürzt MAK, und zugleich die Deichtorhallen in Hamburg. Ein Husarenstück, bei dem der Künstler alle Register an Doppelsinnigkeiten, Redundanzen und Verballhornungen zieht. Appartement heißt die Hamburger Ausstellung, ein Titel, der eher zum Wiener Auftritt zu passen scheint, denn dort gibt es, so dokumentiert jedenfalls der Katalog, tatsächlich eine Reihe großzügig eingerichteter Salons. Merciless - Gnadenlos steht als Schlagzeile über der Wiener Show. Doch der Erbarmungslosigkeit des Künstlers ausgeliefert ist in Wirklichkeit der Hamburger Gast.

Er bekommt keinen schön gestalteten, in rosa Pappe gehüllten Katalog zur Hilfe in die Hand. Dafür viele kleine Extraeinlagen von Künstlern, die irgendwie mit Franz West zu tun haben: ein Trend im Kunstgeschäft, der immerhin hilft, leeren Platz zu füllen. Dann gibt es einen Raum für Videos, die Franz West angeblich nicht leiden kann und die auch kaum einer versteht, denn direkt nebenan läuft laut ein Fernseher mit Rezitationen. Ansonsten findet der Besucher von allem eine Kostprobe, was so zum "Best of West" gehört. Passstücke wie bekannt, aber nur zwei, dazu Sitzskulpturen, riesige mit großen Schweißnähten versehene Aluminiumwürste in bunten Farben. Auch einen der gigantischen, von Giacometti inspirierten, madenbleichen Lemurenköpfe (in Wien stehen vier als Leibgarde vor dem MAK). Außerdem 42 Stühle und sechs Chaiselongues (das Mao-Memorial), eine verhangene Bettstatt auf silbernem Untergrund. Und jede Menge Plakatentwürfe, als sei das Ausstellen oder Miteinander-Ausstellen oder Nicht-Ausstellen oder Schlecht-Ausstellen oder Scheinbar-Ausstellen das Thema der Show.

Der nicht gedruckte Plakatentwurf für Hamburg zeigt eine Blondine mit einem feisten, glibschig-rohen Rollbraten, den sie sich wie einen Teddybär unter den Arm geklemmt hat. In ihrem Blickfeld Rohkost, ein rosa angemalter Riesenklumpen aus Pappmaché und Plastik, fein arrangiert auf einem Sockel.

Und das soll es wohl auch sein: rohe Kost für den Kunstgourmet. Auf das sie ihm im Halse stecken bleibe.

"Appartement", Deichtorhallen Hamburg, bis 10. März
Katalog später.
"Merciless - Gnadenlos", MAK Wien, bis 17. Februar
Katalog 29,- e