Es ist ja unter Nabokoviten fast zu einer Glaubensfrage geworden, ob Vladimir Nabokov Berlin eher gehasst oder nicht doch ein bisschen gemocht hat und ob es die eigene Armut war oder die Ruppigkeit der Bewohner (vom Aufzug der Nazis dann ganz zu schweigen), die ihm seine 15 Berliner Jahre (1922-1937) verleidet hätten: Gewiss aber ist, dass die Spiegelung, die die Stadt der zwanziger und dreißiger Jahre in seinem frühen Werk gefunden hat, zu den schönsten literarischen, ja poetischen Doku menten neben denen Walter Benjamins und Franz Hessels gehört. Hier, in der Emigrationsstation, fand der junge russische Schriftsteller seinen Stil, hier begann er, dem eigenen Vorsatz nachzueifern, "alltägliche Dinge so zu schildern, wie sie sich in den wohlmeinenden Spiegeln künftiger Zeiten darbieten werden". Schon der ganz junge Nabokov entrückt die Szene Berlin in den irisierenden Zauber einer Beobachtungsgabe, die zwar das Detail so sorgfältig fasst wie der Juwelier einen Solitär und Gegenwart gleichsam zum bleibenden Moment präpariert, aber dennoch eher auf einen impressionistischen oder turnerschen Verwischungseffekt aus ist. Nabokov will die Atmosphäre einfangen, die Aura eines Augenblicks, das Halluzinatorische hinter den Dingen.

Den Szenen und Schauplätzen von Nabokovs Berlin nachzugehen und sie aus ihrer Imagination wieder zum Image, zum Bild, ja zum Foto zurückzuholen, ist ein heikles Unterfangen

allzu leicht hätte da ein Ansichtskartenalbum entstehen können. Nicht so bei Dieter E. Zimmer, dem sorgsamsten und intuitivsten aller Nabokov-Spurengänger, seinem trefflichen (ja unübertrefflichen) Übersetzer, der um seinetwillen sogar eine Art von flanierendem Sherlock Holmes Berlins geworden ist. Zimmer hat sich nicht darauf beschränkt, einfach passende Illustrationen zu den mannigfachen Orten und Situationen im "Berliner" Werk Nabokovs zu finden, sondern Raritäten aufzustöbern, die dem prismatischen Reiz der Sprachbilder (und andererseits den Fremdheitsgefühlen des Schriftstellers) entsprechen.

Der expressionistische Reiz der Zwanziger entfaltet sich ebenso wie die kalte Pracht in der scharfen Fotografie der dreißiger Jahre. Eine Vorstellung im Wintergarten mit der so genannten Sternendecke (der Himmel, der den Berlinern bald auf den Kopf fallen sollte, ehe er dann geteilt wurde) ist Voralarm genug

die Polizeirazzia im April 1933 nur noch optische Coda. Wunderbar, wenn Text und Bild aufeinander passen wie die Faust aufs Auge, beim K.o. in der neunten Runde, mit dem Paolino Uzcudun den Deutschen Meister Hans Breitensträter am 1. Dezember 1925 besiegte. Da sieht man ihn liegen, da liest man bei Nabokov (wie der die Zukunft liest): "Bei jedem Schlag, den Breitensträter bekam, sog mein Nachbar pfeifend die Luft ein, als hätte er selbst einen Schlag versetzt bekommen, und mit einem unerhörten, übernatürlichen Schnauben schnaubte die ganze Dunkelheit, alle Ränge." (Und wie sie zehn, fünfzehn Jahre später erst schnauben sollte!) Und immer wieder in diesem Buch die Porträts des Künstlers als Kind, als Junge, als junger Mann, als sportiver Typ - in den Augen eine Zukunft, die Berlin nicht haben sollte.

* Dieter E. Zimmer: Nabokovs Berlin Mit einem einleitenden Essay und vielen Abbildungen

Nicolai'sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 2001