Still wurde sie verscharrt, wie eine tote Katze, und kaum einer hob den Kopf. 67 Jahre währte das zähe Leben einer Institution, die am Ende ihrer selbst überdrüssig zu sein schien: der PEN-Club deutscher Autoren im Ausland, den wir hartnäckig den Exil-PEN nannten, bis zu seinem lautlosen (und darum traurigen) Abgang noch immer eine Zuflucht deutscher Schriftsteller, lange nach dem Ende des "Dritten Reiches" und der DDR.

Ein Dutzend Köpfe zählten die Gründer, als sie 1934 den Internationalen PEN-Kongress in Ragusa mit dem anderen Deutschland des freien Wortes konfrontierten, Ernst Toller, Alfred Döblin, Anna Seghers, Bertolt Brecht und Klaus Mann unter ihnen, Heinrich Mann der erste Präsident. 1945 waren es 70 Autoren, 1986 an die 90, schließlich 150: letzte Überlebende der Emigration, Exilforscher, andere, die draußen eine Heimat fanden

dann vor allem die Protestmitglieder, die sich im PEN der Bundesrepublik nicht mehr zu Hause fühlten, seit sie mit dem Ost-PEN samt einigen fragwürdigen Zunftgenossen Tisch und Bett teilen sollten - so die Expräsidentin Ingrid Bachér oder die DDR-Opfer Günter Kunert und Reiner Kunze. Kein moralisierender Hochmut trieb sie davon, doch sie befanden, dass der gleichgeschaltete Ost-PEN gut daran getan hätte, sich beim Zusammenbruch des Regimes aufzulösen, damit der Weg für eine Neugründung frei werde: ohne die lastende Präsenz von Altstalinisten, Anpassern und Stasi-Maulwürfen.

Der alte, keineswegs greise Spiritus Rector des Exil-PEN, Fritz Beer, wies die Brüder und Schwestern im West-PEN dringlich und herzlich auf die Ursünde des Ost-PEN hin: das Versäumnis eines Neubeginns (ein Makel, den auch die PDS, vormals SED, nicht abschütteln kann). Von solchen Argumenten wollten die Gesinnungshelden West nichts hören. Klaus Staeck, Grafiker, Auch-Schreiber, Großresolutionär und kleinkapitalistischer Patentsozialist, wollte unbescholtene Westautoren herdenweise in den Ost-PEN treiben, um mit einem schlauen Salto vollendete Tatsachen zu schaffen. Zum anderen wurde vergessen, Beer und die Exilanten zum Jahrestag der Bücherverbrennung einzuladen. Von den Vereinigungsverhandlungen schloss man sie wortlos aus. Auch unter dem neuen Präsidenten Said stockte das Gespräch mit den Auslandskollegen und den 80 PEN-Flüchtlingen.

Fritz Beer, der 90-jährige Feuergeist aus Brünn, Jude, Exkommunist, ein unerschrockener Bekenner deutscher Kultur, auch mitten im Krieg, Autor einer bewegenden Autobiografie (die der Aufbau-Verlag nicht wieder drucken mag): Dieser vitale Anwalt der Freiheit lehnte sich nicht länger gegen die Einsicht der Vergeblichkeit auf. Nur eine Hand voll Unentwegter erhob Einspruch.

Dieses melancholische Ende aber wirft - List der Geschichte! - von neuem ein Licht auf den fragwürdigen Prozess der Vereinigung. So lebt der Exil-PEN dennoch fort: als kleiner Stich im Gewissen.