Über die Rolle von Hans Rothfels, dem Nestor der Zeitgeschichte der frühen Bundesrepublik, ist ein Streit entbrannt. Hat er in den Jahren seines Wirkens als akademischer Lehrer in Königsberg 1926 bis 1934 mitgeholfen, das Programm einer "völkischen Flurbereinigung" Ostmitteleuropas ideologisch vorzubereiten, und seine Schüler, unter ihnen Theodor Schieder und Werner Conze, entsprechend beinflusst? Heinrich August Winkler hat kürzlich dem Wortführer der Kritiker, Ingo Haar, eine böswillige Verzeichnung des Rothfels-Bildes vorgeworfen (ZEIT Nr. 50/01). Nun meldet sich Karl Heinz Roth, einer der interessantesten Außenseiter unter den deutschen Historikern, in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (Heft 12, Metropol Verlag, Berlin 2001, Seite 1061-1073) zu Wort und ergreift die Partei Ingo Haars. In seiner von der Forschung noch nicht rezipierten Tagespublizistik von 1932/33 habe Rothfels Osteuropa und den Donauraum "als uralten deutschen Siedlungsboden" reklamiert, den "Vormachtanspruch eines extrem zugespitzten deutschen Nationalismus" gerechtfertigt und damit der "Entbindung einer aggressiven Expansionspolitik" nach 1933 vorgearbeitet.

Hieran habe Theodor Schieder mit seiner berüchtigten "Polendenkschrift" vom Oktober 1939 anknüpfen können. Nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil Anfang der fünfziger Jahre sei Rothfels seinen Fachkollegen "im Wissen um seine eigene Rolle gegen Ende der Weimarer Republik beim Beschweigen ihrer Verstrickungen in die NS-Diktatur behilflich" gewesen. Der Streit wird weitergehen, und man darf nun erst recht gespannt darauf sein, was Ingo Haar auf die Vorwürfe Winklers antworten wird.