Frau Hinze ist jetzt einsatzbereit. Sie hat ihre Winterstiefel in den Schrank gestellt und Schlappen angezogen, sie hat ihre Lesebrille geputzt und die Yuccapalme gegossen. Der rote Rahmen auf ihrem Dreimonatskalender ist auf die 11 vorgerückt, und mit einem Knistern hat ihr Computermonitor zu leuchten begonnen. Draußen auf der Straße, hinter den Lamellengardinen, schieben Autos ihre Scheinwerferkegel durchs Dunkel. Hier drinnen, im Berliner Kreiswehrersatzamt, Zimmer 2.102, singen die Prinzen, sie wärn so gerne Millionär, und Frau Hinze summt mit, dann wär ihr Konto niemals leer.

Frau Hinze wartet auf den ersten Stoß. Um sieben sind's zwölfe, das steht bei ihr im Computer, sagt sie. Dann sind die Prinzen fertig, und eine dieser fröhlichen Guten-Morgen-Stimmen im Radio wünscht einen fröhlichen guten Morgen und sagt, dass es jetzt sechs vor sieben ist. Frau Hinze setzt ihre Brille auf. Gleich kommen sie.

Sie, das sind die Bürger, und Frau Hinze ist der Staat. Wie auch Herr Jankowsky, Herr Ohmann und Frau Klamroth in den Büros nebenan der Staat sind.

Man sieht ihn sonst ja nur im Fernsehen, diesen Staat, wie er im Bundestag auf violetten Stühlen sitzt und die Steuern erhöht und gähnt und sich die Krawatten glatt streicht. Aber jetzt, seit dem 11. September, ist der Staat in Wallung, er wispert vom Koalitionsbruch und stellt die Vertrauensfrage, er fordert uneingeschränkte Solidarität und spricht von Kriseninterventionskräften und vom Kampf gegen den Terror, der in Wirklichkeit ein Krieg ist.

Man könnte denken, dass das nicht viel zu tun hat mit Frau Hinze und ihren Schlappen. Doch hier im Amt nimmt der Staat Maß an seinem Bürger und bittet ihn, sich frei zu machen. Dann stehen sie nackig da vor dem Staat, alle Männer, also immerhin die halbe Republik.

Jetzt, da die Bundeswehr nach Afghanistan ausrückt, ist das keine nebensächliche Begegnung mehr: Aufmerksam mustert der Staat den Bürger, aber auch der Bürger den Staat. Nämlich in dem Bewusstsein, dass Deutschland keine zurückhaltende Nation mehr ist im Weltgezänk, dass künftig zumindest die Möglichkeit kriegerischer Einsätze besteht - erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie also begegnen sich in solchen Zeiten beide Seiten?

Alle sauber und anständig, sagt Frau Rohde, keiner kommt mir frech Wenn man aus der Berliner Mitte zum Kreiswehrersatzamt fährt - mit der S-Bahn und dann mit dem 167er Bus, wie es die meisten jungen Männer tun -, wenn man also aus dem Zentrum der Hauptstadt immer weiter in den Osten kommt, dann ist diese Reise durch Friedrichshain und Treptow und Schöneweide ein Abstieg durch die sozialen Schichten, bis hinab in Viertel, in denen von Fabrikhallen nur -hüllen geblieben sind. Mit das Letzte, was zu sehen ist, bevor der Bus in einen Kiefernwald eintaucht, ist ein lampionbeglühter Imbisswagen. Dann sagt die Frauenstimme vom Band: Haltestelle Kreiswehrersatzamt. Und da liegt es. Ein weißer Klotz, sieben Etagen, unverkennbar DDR. Bis 1990 saß hier, im dunklen Wald, die Nationale Volksarmee.