Anna Wimschneider liegt auf dem Gartlberg in Pfarrkirchen begraben, das ist ein markanter grüner Buckel am Rand der niederbayerischen Kreisstadt, mit alten Bäumen und einem Gotteshaus bestanden, schön dort. Besinnlich.

Vielleicht sollten einmal ein paar Verleger, Autoren und Autorinnen da hinaufgehen. Einen Strauß sollten sie aufs Grab legen, Gerbera wär nicht verkehrt, das waren die Lieblingsblumen der Toten. Dazu all die Bücher, die sie, Anna Wimschneiders Erfolg im Blick, geschrieben und gedruckt haben. Dann könnten sich die Besucher noch ein Viertelstündchen an die Nase fassen und schweigen. Bevor sie wieder gehen.

Herbstmilch hat sich bis heute 2,1 Millionen Mal verkauft. Man mag es fast nicht glauben. Anna Wimschneider, Kleinbäuerin, Jahrgang 1919, vor neun Jahren gestorben, hatte ihre Lebenserinnerungen in zwei Schulhefte geschrieben, für eine Enkelin. Sie waren zum Piper Verlag geraten und 1984 herausgekommen. Ein nüchterner Bericht von Zuständen auf dem Land. Arbeit, Unterdrückung. Arbeit, Einsamkeit. Arbeit, grausame Gemeinheit. Arbeit.

Armut. Und Trost in der Liebe. Herbstmilch, frei von Pathos, Anklagen und Selbstmitleid, hat uns bewegt bis zur Empörung. Das Buch hat der Frau mit der Kittelschürze und dem grauen Haarknoten in kürzester Zeit ein paar Millionen eingebracht, einfach so, einen herzerwärmenden "Starruhm" quer durch die Talkshows und Kulturprogramme, außerdem das Bundesverdienstkreuz.

Noch zu Wimschneiders Lebzeiten kamen die Nachahmer. Im Windschatten ihrer Popularität musste sich doch das Genre - rührender Einblick ins Leben der einfachen Leute - neu anschieben lassen? Die literarische Traditionslinie war ja von Dickens bis zu Seamus Heaneys Gedichten über seinen Torf stechenden Vater und John Bergers SauErde nie abgerissen (zuletzt hat Frank McCourt sie kunstvoll aus der Asche seiner Mutter geholt). Nun hatte eine literaturferne Amateurin am Küchentisch diesen Millionenseller gezaubert

nur zwei Jahre vor ihr war die oberschwäbische Handarbeitslehrerin Maria Beig, Tochter armer Obstbauern, mit ihrer ebenfalls harten, ebenfalls in Schulheften notierten, von Martin Walser geförderten Lebensgeschichte Rabenkrächzen aufgefallen.

Sauermilch, Apfelschnaps, Düstervögel. Sauerde. Wenn das kein Trend war.