Unter dem Decknamen "Einsatz Reinhardt" - benannt nach Reinhard(t) Heydrich - wollten die Nazis die Ermordung der jüdischen Bevölkerung im polnischen Generalgouvernement bis Ende 1942 im Wesentlichen durchgeführt haben.

Bis heute blieb unklar, wie viele Menschen damals tatsächlich in den einzelnen Vernichtungslagern, in BeIzec, Sobibór, Treblinka und auch in Majdanek, umgebracht wurden.

Jetzt bringt ein Funkspruch der Polizei, aufgefunden in der Abschrift des britischen Geheimdienstes, neue Fakten zu dieser Frage - und rückt dabei einen Mann in den Mittelpunkt des grausigen Geschehens, der ohne Zweifel ein Haupttäter des Holocaust ist: der Salzburger SS-Offizier Hermann Höfle.

Der Organisator des "Einsatzes Reinhardt" konnte nach dem Krieg, aus kurzer Haft entlassen, untertauchen und trat Anfang der fünfziger Jahre, auch dies wurde erst jetzt bekannt, kurzzeitig in den Dienst des US-Geheimdienstes CIC.

Fünf Tage brauchten die britischen Geheimdienstler in ihrer Dechiffrierzentrale im idyllischen Bletchley Park bei Woburn, um die Funksprüche der deutschen Polizei aus dem besetzten Europa zu entschlüsseln, die sie am 11. Januar 1943 aufgefangen hatten. Darunter befanden sich zwei, die als "Geheime Reichssache!" besondere Aufmerksamkeit erregt haben mussten.

Vom ersten Funkspruch, abgesandt um 10 Uhr morgens, konnte lediglich der Empfänger identifiziert werden: "An das Reichssicherheitshauptamt, zu Händen SS Obersturmbannführer Eichmann". Der Rest fehlte.

Der zweite Funkspruch fünf Minuten später hingegen lag bis auf eine kleine Lücke vollständig dekodiert vor. Er stammte von einem SS-Sturmbannführer Höfle beim SS- und Polizeiführer im polnischen Lublin und war an SS-Obersturmbannführer Heim beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Krakau gerichtet. Die britischen Kryptanalytiker wussten, dass beide Funksprüche von der Polizeifunkstelle OMQ stammten und dass OMQ als Rufzeichen für Lublin stand. Zwei der sehr seltenen Geheimen Reichssachen von derselben Funkstelle Lublin innerhalb von fünf Minuten gesendet: Es muss sich der Schluss aufgedrängt haben, dass beide Funksprüche weitgehend, wenn nicht gar völlig identisch gewesen sein dürften.

Ob die Briten allerdings mit dem Inhalt viel anzufangen wussten, ist eher zu bezweifeln. Die eigentliche Nachricht besteht nur aus vier Kürzeln in Großbuchstaben, jedes gefolgt von Zahlen, am Ende offenbar eine Summe: "zusammen 1 274 166". Zahlreiche andere dekodierte deutsche Funksprüche weisen Bearbeitungsvermerke der englischen Experten auf

etliche besonders wichtig erscheinende Nachrichten wurden sogar zusammengefasst an Premierminister Winston Churchill weitergeleitet. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass die Spezialisten die außerordentliche Bedeutung ausgerechnet dieses Funkspruchs erkannt hatten. Man nahm ihn, wie alle anderen, als "Most Secret" unter Verschluss und gab ihn erst 2000 im Public Record Office in Kew für die Öffentlichkeit frei.

Hier wurde der Höfle-Funkspruch vor einigen Monaten von dem englischen Geschäftsmann und Geschichtsforscher Stephen Tyas, einem ausgewiesenen Fachmann auf diesem Gebiet, gefunden und sofort in seiner Bedeutung erfasst.

Tyas benachrichtigte etwas später den Autor.

Himmler gibt Sprachregelung vor

Diese in der Tat völlig unscheinbare "14-tägige Meldung Einsatz Reinhart" erschließt sich in ihrer ganzen Monstrosität erst aus dem Zusammenhang. Am 13. Oktober 1941 hatte Heinrich Himmler als Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei dem SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin, Odilo Globocnik, in Gegenwart von dessen Vorgesetzten Friedrich-Wilhelm Krüger den folgenschweren Befehl erteilt, mit der Vernichtung der Juden im Generalgouvernement zu beginnen.

Globocnik ließ daraufhin von seinem Bauexperten Richard Thomalla nacheinander die drei Vernichtungslager BeIzec, Sobibór und Treblinka errichten. Der Aufbau begann in BeIzec am 1. November 1941, in Sobibór wahrscheinlich noch im selben Monat, in Treblinka, gelegen im Nachbardistrikt Warschau, Ende April/Anfang Mai 1942 nach einer Besprechung Himmlers anlässlich einer Besichtigung des Warschauer Ghettos am 17. April 1942. Globocnik wurden als Lagerführer und Mannschaften für die Vernichtungslager in mehreren Schüben etwa hundert eingearbeitete Männer aus den "Euthanasie"-Anstalten Bernburg, Hadamar, Hartheim und Pirna von der "Kanzlei des Führers" zur Verfügung gestellt. An eigenen Männern rekrutierte Globocnik aus seinem "Ausbildungslager Trawniki" etwa drei Kompanien ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener, mehrheitlich Ukrainer, als Wachleute für die Lager.

Innerhalb seines Stabes bildete Globocnik eine kleine, aber schlagkräftige Einheit: die "Hauptabteilung Einsatz Reinhardt" unter Leitung seines österreichischen Landsmannes und Vertrauten Hermann Julius Höfle. Dieser bekam die Aufgabe, die einzelnen Mordaktionen mit der Zivilverwaltung zu koordinieren, die Ghettos im Generalgouvernement mithilfe weiterer "Trawniki"- und Polizeieinheiten räumen zu lassen, den Abtransport der Menschen in die Vernichtungslager zu organisieren und die abschließende Verwertung ihres Eigentums zu überwachen.

Globocniks Gesamtverantwortung für die Durchführung der "Endlösung" im ganzen Generalgouvernement und später noch im Generalbezirk BiaIystok wurde als "Sonderauftrag Reinhardt" zusammengefasst, wie sich einer Aufstellung seiner diversen Funktionen in den Personalakten entnehmen lässt. Erstmals nachzuweisen ist die Tarnbezeichnung "Reinhardt" als Kodierung für den Judenmord Anfang Juni 1942, unmittelbar nach dem erfolgreichen Attentat auf den Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren und Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich in Prag. Die Schreibweise "Reinhardt" darf hier nicht irritieren, denn Heydrich schrieb seinen Vornamen zeitweise mit "dt", wie seiner Ahnentafel und den jährlich gedruckten SS-Dienstalterslisten bis zu seinem Tode zu entnehmen ist. Himmler selbst wies in einer Rede auf diese Besonderheit des Vornamens hin. "Einsatz Reinhardt" heißt es auch auf dem von Höfle verwendeten Dienstsiegel mit dem Reichsadler, wohingegen die Bezeichnung "Einsatz Reinhart" auf dem Funkspruch übereinstimmt mit einem von Höfle benutzten Stempel seiner Abteilung.

"Einsatz Reinhardt" war also die amtliche, anfangs ausschließlich genutzte Bezeichnung, "Reinhart" lediglich eine charakteristische Variante des rechtschreibschwachen Höfle.

Die systematische Ermordung der Juden im polnischen Generalgouvernement hatte Mitte März 1942 mit der Räumung der Großghettos Lublin und Lemberg (heute Lviv) begonnen. Am 17. März wurden erstmals etwa 3000 Menschen in BeIzec vergast. Anfang Mai gingen die ersten Transporte nach Sobibór, am 19. Juli befahl Himmler, dass "die Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements bis 31. Dezember 1942 durchgeführt und beendet ist".

Am 22. Juli begann die Räumung des gewaltigen Warschauer Ghettos. Am folgenden Tag wurden 6250 jüdische Männer, Frauen und Kinder im neu eingerichteten Treblinka in den drei Gaskammern erstickt.

Der Höfle-Funkspruch vom 11. Januar 1943 enthält neben der 14-tägigen Meldung auch den Stand vom 31. Dezember 1942, jenem von Himmler gesetzten Termin, an dem alle polnischen Juden bis auf die Zwangsarbeiter und deren Familien "umgesiedelt", also ermordet sein mussten. Der Funkspruch stellt demnach eine Art Jahresbilanz oder Vollzugsmeldung mit den Opferzahlen seit Mitte März 1942 dar. Zweifellos erreichte diese Meldung Himmler und mit größter Wahrscheinlichkeit auch Hitler selbst.

Adolf Eichmann war mit seinem Referat IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt mit der "Endlösung der europäischen Judenfrage" beauftragt. Wir wissen von schriftlichen Berichten und mündlichen Vorträgen bei seinem obersten Chef Himmler. Am 15. Dezember 1942 wurde Eichmanns "Tätigkeits- und Lagebericht 1942 über die Endlösung der europäischen Judenfrage" an Himmler weitergeleitet. Dieser Bericht ist nicht erhalten, aber wir kennen sehr genau Himmlers Reaktion darauf. Eichmann muss durch Schlampereien großen Unwillen erregt haben. Jedenfalls schrieb der Chef der Deutschen Polizei am 18. Januar 1943 an Eichmanns Vorgesetzten Müller: "Das Reichssicherheitshauptamt selbst hat ... auf diesem Gebiet keine statistischen Arbeiten mehr zu leisten, denn die bisherigen statistischen Unterlagen entbehren der fachlichen Genauigkeit." An die Stelle Eichmanns trat nun der professionelle Statistiker Richard Korherr. Eichmann erhielt die scharfe Anweisung, Korherr und seinen beiden Assistenten für ihre Arbeit im Referat IV B 4 sämtliche benötigten Unterlagen zur Verfügung zu stellen.

Eine dieser Unterlagen muss der Höfle-Funkspruch vom 11. Januar 1943 beziehungsweise dessen Doppel an Eichmann gewesen sein, denn die hier genannte Gesamtopferzahl des "Einsatzes Reinhardt" taucht bis auf die letzte Stelle exakt in beiden erhaltenen Fassungen des so genannten "Korherr-Berichtes" wieder auf. Korherr muss in einer nicht erhaltenen ersten Fassung die Ermordung der Juden zu ausdrücklich formuliert haben und erntete dafür prompt Himmlers Kritik samt einer Sprachregelung, die Korherr zu übernehmen hatte: "Es wurden durchgeschleust durch die Lager im Generalgouvernement [BeIzec, Sobibór, Treblinka und das KZ Lublin - d. Verf.]

1 274 166 [Juden]."

Korherr wurde schließlich am 1. April 1943 von Himmler aufgefordert, eine Zusammenfassung des Berichts herzustellen zur "Vorlage an den Führer", die Mitte April fertig war. Ob Himmler selbst oder der neue RSHA-Amtschef Kaltenbrunner diese Vorlage Hitler bei einem mündlichen Vortrag übergeben hat, ist unklar. Auf jeden Fall enthielt auch sie die Zahlenangabe des Höfle-Funkspruchs, und die Vorlage dürfte auf jeden Fall Hitler ausgehändigt worden sein, da sie ja ausdrücklich dazu bestimmt war.

Noch einige Anmerkungen zum Höfle-Funkspruch: Die Verwendung der Buchstabenkürzel L, B, S und T für das KZ Lublin, BeIzec, Sobibór und Treblinka entspricht der damals aus Geheimhaltungsgründen geübten Praxis. Der Funkspruch enthält allerdings einen Fehler, vielleicht durch unvollständige Entschlüsselung oder durch Nachlässigkeit beim Abschreiben und Zusammenstellen der einzelnen Funksprüche. Die Summe der Opferzahlen der einzelnen Teillager entspricht nicht der angegebenen Gesamtsumme. Da bekannt ist, dass Treblinka das mit Abstand größte Vernichtungslager war, kann die angegebene Zahl von 71 355 unmöglich stimmen. Der Fehler löst sich leicht auf: am Ende der Zahl wurde eine 5 vergessen

es waren also 713 555 jüdische Opfer in Treblinka.

Die Zahlenangabe "0" in der 14-tägigen Meldung für BeIzec erscheint auffällig. In der Tat waren hier am 8. Dezember die Vernichtungsaktionen endgültig eingestellt worden. Die Zahl von 515 für Sobibór scheint recht gering zu sein, aber sie entspricht der einzigen in diesem Zeitraum festgestellten Deportation aus Staw-Nowosiólki.

Eine Überraschung für die Forschung dürfte die hier dokumentierte Einbeziehung des KZs Lublin-Majdanek in den "Einsatz Reinhardt" darstellen.

Die tatsächliche Opferzahl dort ist höher als die hier angegebene von 24 733, so dass man von einer Teilung der Zuständigkeiten ausgehen muss. Einen Teil der Menschen ließ Globocnik offenbar auf "eigene Rechnung" in Majdanek umbringen, der andere fiel in die Verantwortung des Lagers.

Mit dem aufgeschlüsselten Funkspruch liegen nun erstmals die exakten Opferzahlen der einzelnen Vernichtungslager im Generalgouvernement für das entscheidende Jahr 1942 vor (wobei man ja nicht vergessen darf, dass die Funkabschriften der Engländer, die den deutschen Code schon früh geknackt hatten, die einzigen Zeugen dieser schrecklichen Korrespondenz sind, da die Originale nahezu komplett vernichtet wurden). Dabei zeigt sich übrigens, dass allein der deutsche Historiker Wolfgang Scheffler in seinen Gerichtsgutachten aus den sechziger und siebziger Jahren auf der Grundlage des damaligen Kenntnisstandes den Zahlen des Höfle-Funkspruchs bemerkenswert nahe kam.

Diese Zahlen sind auch wichtig für die Ermittlung der Gesamtopferzahlen, lief doch der "Einsatz" oder später die "Aktion Reinhardt" noch bis zum 19.

Oktober 1943 weiter. Auch danach war das Morden im Generalgouvernement nicht zu Ende, lag jedoch nicht mehr in der Zuständigkeit Globocniks.

Hermann Höfles Leben vor dem Krieg ist weitgehend bekannt. Geboren 1911 in Salzburg, arbeitete er als Automechaniker und Taxiunternehmer. Partei- und SS-Mitglied seit 1933, wurde er 1939, nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, Chef des volksdeutschen Selbstschutzes in Neu-Sandez (Nowy Sacz) und begann im September 1940 als Leiter eines Lagers für jüdische Zwangsarbeiter in BeIzec seine Karriere als einer der Haupttäter des Holocaust.

Doch Höfles Leben nach seiner Festnahme durch die Engländer am 31. Mai 1945 auf der Möslacher Alm am Weißensee in Kärnten, wo er sich mit Globocnik und anderen Komplizen versteckt hatte, ist zu erheblichen Teilen noch ungeklärt.

Mehr als zwei Jahre verbrachte er zunächst in "automatischem Arrest" in britischen Internierungslagern in Österreich. Höfles zentrale Rolle bei der ersten "Räumung" des Warschauer Ghettos und der Ermordung der Juden in Treblinka im Sommer 1942 war der polnischen Exilregierung in London und damit der britischen Regierung seit November/Dezember 1942 im Detail bekannt.

Gesichert ist, dass Höfle unmittelbar nach Kriegsende weltweit als Kriegsverbrecher von den Alliierten und ihren Verbündeten gesucht wurde. Im Zentralregister der Kriegsverbrecher und sicherheitsgefährdenden Personen (CROWCASS-Wanted List), herausgegeben von SHAEF, dem alliierten Hauptquartier, ist er als "Hermann Hofle" mit korrektem Geburtsjahr und SS-Rang unter Angabe des Tatortes Lublin zur Fahndung ausgeschrieben. Die Alliierten arbeiteten auf der Grundlage dieser Fahndungsliste.

Von Reich-Ranicki identifiziert

1946 veröffentlichte die Zentrale Jüdische Historische Kommission in Polen eine bedeutende Dokumenten- und Materialiensammlung mit entscheidenden Höfle-Quellen. In dem Band befindet sich zudem eine gewichtige Zeugenaussage von M. Reich (Marcel Reich-Ranicki), dem ehemaligen Sekretär des Warschauer Judenrates, über die Vernichtung des Ghettos. Eindeutig wird hier der SS-Sturmbannführer Höfle als Leiter des "Einsatzes Reinhardt" und des Warschauer "Vernichtungs- oder Ausrottungskommandos" identifiziert. Kaum vorstellbar, dass es britischen Vernehmungsoffizieren nicht gelungen sein sollte, ihren Kriegsgefangenen als den international gesuchten Massenmörder zu identifizieren.

Höfles Komplizen, die SS-Sturmbannführer Ernst Lerch und Georg Michalsen, wurden schon zu Beginn ihrer britischen Haft ausgedehnten Verhören unterzogen. Offensichtlich war der gemeinsame Aufenthalt mit Höfle im Versteck auf der Möslacher Alm dazu genutzt worden, die Aussagen zu koordinieren und sich gegenseitig Alibis zu verschaffen. Im britischen Public Record Office war jedoch bislang kein entsprechendes Verhör Höfles zu finden, obwohl es stattgefunden haben muss. Die englischen Behörden sollten sich endlich dazu entschließen, alle entsprechenden Dokumente freizugeben.

Im August 1947 wurde Höfle aus dem Internierungslager Wolfsberg in Kärnten entlassen und der österreichischen Justiz übergeben. Zunächst befand er sich im Landesgericht Salzburg in Haft, dann kam er zum Volksgerichtshof nach Linz. Dort wusste man anscheinend auch nichts mit ihm anzufangen. Am 30.

Oktober 1947 wurde er auf "Gelöbnis" entlassen. In der Folge arbeitete er in seiner Heimatstadt Salzburg im gelernten Beruf als Automechaniker. Am 15.

Dezember 1947 wurde er vermutlich das erste und einzige Mal von den Amerikanern vernommen. Wie die Komplizen Lerch und Michalsen verschleierte er seine Tätigkeit in Lublin und Warschau vollständig, obwohl er auf Befragen zugeben musste, dass zwei seiner Kinder in Lublin begraben liegen. Der Vernehmer sah keinen Anlass, hier nachzuhaken.

Langsam wurde Höfle der Boden zu heiß. Am 9. Juli 1948 beantragte die polnische Regierung bei den westlichen Alliierten seine Auslieferung. Er sollte gemeinsam mit Ex-SS-Gruppenführer Jürgen Stroop, dem Vernichter des Warschauer Ghettos, vor Gericht gestellt werden. Polnischen Auslieferungsersuchen wurde zu dieser Zeit noch vereinzelt stattgegeben.

Höfle wollte nach eigener Aussage von dem Antrag erfahren haben. Wie und durch wen, bleibt ungeklärt. Jedenfalls floh er nach Italien, wo er die nächsten Jahre unter falschem Namen lebte. Stroop hingegen wurde von den Amerikanern an Polen ausgeliefert, vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im September 1951 hingerichtet.

Im August 1949 erschienen in der Pariser Zeitschrift Le Monde Juif erstmals nähere Informationen im Westen über Höfle. Er sei dafür verantwortlich, "über 200 000 Juden nach Treblinka deportiert" zu haben. Anfang 1951 kehrte er aus Italien nach Österreich zurück. Im März versuchte er heimlich nach Westdeutschland zu gelangen und wurde wegen illegalen Grenzübertritts festgenommen. Er nannte seinen richtigen Namen und erklärte vor einem Münchner Gericht, die Polen suchten ihn und er befürchte, gekidnappt zu werden. Dies Argument scheint für die bayerischen Behörden überzeugend gewesen zu sein, denn einen Monat später erhielt er neue Papiere mitsamt einer Aufenthaltsgenehmigung. In der Folge wurde Höfle mehrfach in Bayern gesehen, wo er sich auch mit ehemaligen Kameraden aus dem Lubliner Stabe Globocniks traf. Er scheint sich unter anderem als Schrotthändler durchgeschlagen zu haben.

Aufgrund seiner Verbindungen zu alten SS-Kameraden in Bayern geriet er ins Visier der Abwehrorganisation der US-Armee, des CIC. Man hielt ihn hier für eine potenzielle Informationsquelle über ehemalige SS-Mitglieder und einen geeigneten Kontaktmann zur extremen Rechten im Süden Westdeutschlands. Höfle wurde längere Zeit beschattet. Dann machte man ihm ein Angebot zur Arbeit für den Geheimdienst. Im Februar 1954 gab die CIC eine recht positive Beurteilung über Höfle ab: Er sei pünktlich, militärisch im Auftreten und vertrauenswürdig

er zeige sich äußerst entgegenkommend. Die von ihm gelieferten Informationen seien als recht zuverlässig einzuschätzen.

Allerdings neige er eher zu Unter- als zu Übertreibungen, so dass häufig nachgefragt werden müsse. Fortan erhielt Höfle vom CIC den Decknamen "Hans Hartmann" und wurde mit hundert Mark monatlich vergütet. Jedoch schon im Juni 1954 ließ ihn der CIC aus unbekannten Gründen fallen.

Wiederum ist nur schwer nachzuvollziehen, dass amerikanische Geheimdienste nicht gewusst haben sollen, mit wem sie sich nach erfolgter Überprüfung einließen, zumal erst ein Jahr zuvor sowohl in London als auch in New York Gerald Reitlingers bahnbrechende Studie über die "Endlösung" erschienen war, in der Höfles Untaten erstmals ausführlich beschrieben worden sind.

Im Januar 1961 wurde der millionenfache Mörder endlich in Salzburg festgenommen. Drei Monate später begann in Jerusalem der Eichmann-Prozess.

Höfle dürfte in der Untersuchungshaft das Verfahren eifrig verfolgt haben, tauchte doch sein Name dort mehrfach auf.

Am 1. Juni 1962 wurde Eichmann hingerichtet. Hermann Höfle richtete sich selbst: Am 21. August 1962, kurz vor seinem Prozess, erhängte er sich in einem Wiener Gefängnis. Während Eichmann außer dem Abtransport der Juden Europas auch noch übergreifende planerische Aufgaben in der "Endlösung der Judenfrage" erfüllte, war Höfle der Mann, der, juristisch gesprochen, tatnah den Millionenmord in BeIzec, Sobibór und Treblinka organisiert hatte. In der Anzahl der Opfer "übertraf" der weitgehend unbekannt gebliebene SS-Offizier den berüchtigten Eichmann um mehrere hunderttausend. Mit seinem Selbstmord entzog er sich endgültig jeder irdischen Gerechtigkeit und fiel beinahe dem Vergessen anheim.

Der Autor ist Historiker und lebt im Sauerland

Die ausführliche Analyse des Höfle-Funkspruchs, verfasst zusammen mit Stephen Tyas, erschien dieser Tage in der Zeitschrift "Holocaust and Genocide Studies", Oxford University Press (ISBN 019-922506-0)