"Aber wissen Sie", fragt Mario Scheuermannn, der Hamburger Weinexperte, als ich mich am Telefon mit ihm über die letzte Genießen-Kolumne zum Thema Butterbrot unterhalte, "wissen sie, welches Butterbrot ultimativ das beste ist?" Mit Coppa? Mit rotem Tilsiter und frischen Radieschen belegt? Die Rindszungenstulle? Cevapcici und frische Zwiebelringe?

Ich tappe im Dunkeln und muss Scheuermann, als er die Lösung kundtut, natürlich recht geben: Auf das Butterbrot kommt nicht mehr als junger, grob geschnittener Knoblauch. Kein gepresster. Geschnittener. Wir sind uns einig und feiern unser Coming Out als Angehörige jener Gourmet-Subspezies, die nicht darauf verzichten kann, ab und an beim Knoblauch richtig herzhaft zuzulangen und das Gemüse roh zu essen. Den Israeliten ging es bei ihrem Auszug aus Ägypten schließlich nicht anders. Schmerzlich vermissten die Knoblauch-Junkys die zurückgelassenen edlen Zehen. So steht's im 4. Buch Mose.

Genauso wenig mochten die ägyptischen Pyramidenbauer auf die Köstlichkeit verzichten. Sie dopten sich mit Knoblauch, und ihre toten Bauherren nahmen ihn mit ins Jenseits. Die Soldaten der alten Griechen und Römer schworen auf die aufbauende Wirkung des Knoblauchs. Nur Horaz, die antike Edelfeder, stänkerte, der Geruch könne bewirken, dass die Geliebte den Kuss verweigere. Aber solche Zimperlichkeiten sollten niemand schrecken - wobei ich gerne zugebe, hundertprozentig mutig auch erst fernab vielzähliger Menschengruppen zu werden: Auf einer Frachtschiff-Tour 1997 von Valencia nach New York unter liberianischer Flagge, mit deutschen Offizieren, russischem Stewart, Deckschrubbern von der Südseeinsel Tuvalu und mit estnischem Schiffskoch gab´s rohen Knoblauch schon zum Frühstück. Ich langte zu. Wurde ich deswegen trotz Windstärke zehn nicht seekrank?

Die verdiente Wertschätzung erhält die Knoblauchzehe in der türkischen, nahöstlichen und nordafrikanischen Küche. Da schmort sie zusammen mit einem Huhn in der Zitronenbrühe, in der Kuttelsuppe oder in einem währschaften Kanincheneintopf, mit Zwiebeln, Sultaninen und Feigen.

Um aber das Frage- und Antwortspiel weiterzudrehen - und da wir schon beim Knoblauch sind -, werde ich Mario Scheuermann anlässlich unseres nächsten Telefonats fragen, welches das ultimativ beste Knoblauch-Rezept sein könnte. Ich werde ihn raten lassen. Bestimmt hat er gute Ideen, von der gespickten Lammmkeule bis zur Knoblauchsuppe. Aber er wird die Antwort nicht finden. Weil er die Antwort nämlich noch nie genossen hat. Es handelt sich um ein Rezept mit Thunfisch. Ein großes, ein Kilogramm schweres Stück wird mit Pfeffer und Salz eingerieben und eine Stunde in Ruhe gelassen. Danach wäscht man den Brocken, tupft ihn trocken, legt ihn zusammen mit zwanzig bis dreißig ungeschälten Knoblauchzehen, vier Lorbeerblättern, Rosmarin, vier Gewürznelken, etwas Cayennepfeffer und Muskatnuss in einen Schmortopf und gießt drei Deziliter Olivenöl darüber.

Schmort dieser Fisch drei Stunden auf kleiner Flamme (das Rezept funktioniert auch im Ofen), brauchen Sie nichts weiter zu tun, als Toast dazu zu servieren. Allenfalls einen grünen Salat; aber eigentlich sollten Sie sich auch diese Mühe nicht machen. Und Sie werden sich auch nicht lange fragen müssen, was mit dem vielen Knoblauchzehen passiert. Ob dreißig oder vierzig Zehen: Die werden weggeputzt. So weich hat sie das Öl gebacken, dass man sie aus der Schale drücken und auf dem Toast verstreichen kann.

Sie und Ihre Gäste werden sich in einer Knoblauchseeligkeit wiederfinden, dem sogenannten Allium-Sativum-Delirium, und eine Eingebung wird Ihnen dann verraten, was, als sich vor vielen Jahrhunderten ein Zeichner daran machte, den türkischen Halbmond zu kreieren, die wahre Vorlage gewesen sein muss. Nein, nicht der Mond, nicht das Croissant. Auch nicht das Kuhhorn. Natürlich die göttliche Zehe!