Vor zwei Jahren, als es um den Parteivorsitz in der CDU ging, hat Angela Merkel auf die Frage, ob sie eigentlich mutig sei, mit einer Anekdote geantwortet: Wie sie als Kind im Schwimmunterricht auf dem Drei-Meter-Brett stand, quälende 45 Minuten lang wartete und erst ganz am Ende der Schulstunde vortrat und sprang. Auch in der K-Frage hat Angela Merkel - jedenfalls öffentlich - lange gezögert mit einer Entscheidung. Nun ist sie doch noch gesprungen. Aber war es Mut, den sie dabei bewies?

Die Entscheidung der Union für Edmund Stoiber stand tatsächlich bereits seit Anfang Dezember fest. Auf dem Parteitag der CDU in Dresden hatten die eigenen Leute Merkel zwar den Rücken als Parteivorsitzende gestärkt, aber gleichzeitig signalisiert, wen sie mehrheitlich als Kanzlerkandidaten wünschten: CSU-Chef Stoiber. Die Gründe dafür sind immer wieder genannt worden. Sie reichen von den bekannten Umfrageergebnissen über die möglicherweise wahlentscheidende Wirtschaftskompetenz der beiden Kandidaten bis hin zum plumpen Vorbehalt der nach wie vor männerdominierten und westdeutsch geprägten CDU gegenüber ihrer Vorsitzenden aus dem Osten. Zuletzt ging es für Merkel daher nur noch um die Frage, ob sie selbst den Zeitpunkt der Entscheidung bestimmt - oder ob einer der Parteifreunde sie vom Sprungbrett stößt.

Mit ihrem Rückzug zum jetzigen Zeitpunkt hält sich Merkel alle Optionen für ihre weitere politische Karriere offen. Sie reichen vom Amt des Vizekanzlers in einer großen Koalition über den Vorsitz der Unionsfraktion bis hin zu einem Ministerpräsidenten-Amt - warum zum Beispiel nicht in Sachsen. Erst vor zwei Wochen hatte Merkel vielsagend zu Protokoll gegeben, sie wolle "am Ende des Jahres 2001 nicht am Ende meines politischen Weges sein".

Für Edmund Stoiber dagegen wird es nun bitterernst. Als Kanzlerkandidat der Union steht er auf dem Schild, auf dem er nach eigenem Bekunden nie stehen wollte. Vorbei ist damit die schöne Zeit, in der der bayerische Regent aus der Ferne mit guten Wirtschaftsdaten glänzen konnte. Von diesem Freitag an wird Stoiber an einer anderen Elle gemessen, und es ist längst nicht ausgemacht, dass er den Echt-Test als Bundespolitiker besteht. Die Entscheidung der Union folgt einer zwingenden politischen Logik. Stimmt die Annahme, dass die Wirtschaftspolitik die Bundestagswahl entscheiden wird, ist Stoiber der richtige Mann, um Schröder herauszufordern. Das überraschendere - und damit interessantere - Duell wäre ein anderes gewesen.