Diese Rebellion, in Deutschland als "Araber-Aufstand" bezeichnet, zielte auf die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG), der mit der Verleihung eines Kaiserlichen Schutzbriefes am 27. Februar 1885 das Recht auf die Verwaltung großer Gebiete im Inneren Ostafrikas übertragen worden war. Um ihrem Territorium einen ungehinderten Zugang zum Meer zu verschaffen, hatte die Gesellschaft den Sultan der Insel Sansibar im April 1888 zur Verpachtung eines zehn Meilen breiten Streifens entlang der heutigen tansanischen Küste gezwungen, die zu seinem Herrschaftsgebiet gehörte. Vier Monate später, im August, waren DOAG-Agenten in allen größeren Hafenstädten gelandet, um die Verwaltung von den Beamten des Sultans zu übernehmen. Zur Unterstützung der Übernahme hatte die Admiralität ein Kreuzergeschwader von Singapur nach Ostafrika beordert.

Soziale Spannungen innerhalb der Küstenbevölkerung und das ungeschickte, teilweise brutale Vorgehen der deutschen Beamten führten sehr schnell zum bewaffneten Aufruhr gegen die weißen Machthaber. Bis Ende September 1888 vertrieben die Rebellen die Agenten der Gesellschaft aus den meisten ihrer Stationen; nur Bagamoyo und Daressalam konnten mithilfe der Marine gehalten werden. Für eine Niederschlagung des Aufstandes fehlten der DOAG jedoch die militärischen und finanziellen Mittel. Deshalb bat die Gesellschaft am 28. September um "wirksame Hilfe des Reiches". Andernfalls drohte sie, über einen Verkauf Ostafrikas nachzudenken.

Bismarck will Gräuelgeschichten

Für Kanzler Otto Fürst von Bismarck, der bisher das Reich selbst so weit wie möglich aus der Verwaltung der Kolonie herausgehalten hatte, kam eine Aufgabe Ostafrikas aus Prestigegründen nicht infrage. Deshalb war er prinzipiell bereit, der DOAG zu helfen; einen Einsatz von Landtruppen lehnte Bismarck aber kategorisch ab. Er fürchtete, dass der Tod deutscher Soldaten in Übersee seinem Ansehen schaden könnte. Stattdessen plante er, den Sultan von Sansibar "durch Blockade und Sperrung der Ein- und Ausfuhr in die Zwangslage zu bringen, dass er der Gesellschaft zur Herstellung ihrer Autorität ehrlich beisteht", also eigene Truppen zur Niederschlagung auf das Festland entsende. Eine Blockade sollte aber möglichst nur in Gemeinschaft mit Großbritannien, das enge Beziehungen zum Sultan unterhielt, erfolgen. Um den Einsatz der Marine innenpolitisch besser legitimieren zu können, ordnete Bismarck an, die Rebellion in der Öffentlichkeit als einen "strike" von "fremdenfeindlichen und fanatischen" arabischen Sklavenhändlern hinzustellen.

Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Erzbischof von Algier und Karthago, Kardinal Charles Martial Allemand Lavigerie, am 1. Juli 1888 in Paris zu einem "Kreuzzug" gegen den Sklavenhandel in Afrika aufgerufen hatte. Angesichts der von den Sklavenjägern verübten Gräuel sei jede christliche Kolonialmacht zum Eingreifen verpflichtet, forderte der Geistliche in einer flammenden Predigt. Vor allem gegen den Islam sollte vorgegangen werden, sah doch der Kardinal in ihm den Hauptschuldigen. Bismarck selbst war nicht für die Abschaffung der Sklaverei und stand daher anfangs Lavigeries Agitation ablehnend gegenüber. Doch nun sah er die Chance, die deutsche Bevölkerung in Kreuzzugstimmung zu bringen, und ließ den Sklavenhandel in den dunkelsten Farben schildern. "Kann man nicht schaurige Details über Menschenquälerei auftreiben?", lautete die Anweisung an seine Mitarbeiter. Man konnte. Und schon bald wurde dem Reichskanzler gemeldet, dass "die ganze Angelegenheit unerwartet rasch Fortschritte" mache.

Kritische Stimmen hatten es dagegen schwer, Gehör zu finden. Ein in Ostafrika tätiger Arzt schrieb in einem Brief nach Deutschland, dass im Land zwar mit "Träger-, Haus- und Arbeitssklaven" gehandelt werde, die wohl zum größten Teil aus Zentralafrika stammten. Über "förmliche Sklavenjagden" könne er allerdings nichts berichten. Der Mann bezweifelte gar, "daß sie jetzt noch Hauptmittel sind, Sklaven zu bekommen". Auch die Berichte über die angeblich schlechte Behandlung der Sklaven durch ihre muslimischen Besitzer waren maßlos übertrieben. So musste selbst ein Mitarbeiter der DOAG, Eugen Krenzler, zugeben, "daß der Christ, gestachelt durch seine Habgier und sonstigen Leidenschaften, dem Sklaven stets ein viel grausamerer Herr war, als der Araber". Doch solche Einwände halfen nichts. Viele Deutsche glaubten der Propaganda.

Das zeigte sich auch auf einer Versammlung der Evangelischen Allianz am 26. und 27. September 1888 in Köln. Der Antrag, den "Kampf zur Unterdrückung der Sklavenjagden und des Sklavenhandels in Afrika zur gemeinsamen Aufgabe der in der Evangelischen Allianz verbundenen internationalen Kreise" zu erklären, wurde von den Delegierten einstimmig angenommen. Einen Monat später kam es dann zu der großen Volksversammlung der Antisklavereibewegung in der Kölner Gürzenichhalle, an der zahlreiche Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kirche teilnahmen. Einer der Hauptredner war der deutsche Afrika-Forscher Hermann Wissmann. In einer Resolution forderten die Anwesenden die Reichsregierung auf, für die Unterdrückung der afrikanischen Sklavenjagden und für eine Aufhebung des Sklavenhandels in Ostafrika zu sorgen. In vielen deutschen Städten kam es danach zu ähnlichen Veranstaltungen.