Es ist ein bittersüßer Skandal, der Washington erfasst hat. Mit allem, was den Connaisseur beglückt, fast allem jedenfalls. Sex fehlt einstweilen, aber sonst ist alles drin und alles dran: Es geht um Öl, es geht um Geld, es geht um Macht und den Missbrauch von Macht. Von diesen Ingredienzien lebte einst die Fernsehserie Dallas, und dieselben Zutaten verheißen nun der Enron-Affäre ein langes aufregendes Leben. Umso mehr, da irgendwo mittendrin in dieser Melange jener Mann zu stecken scheint, der "Ehre und Würde und Integrität" ins Weiße Haus zurückbringen wollte - George W. Bush, der aus der texanischen Heimat von Dallas und Enron stammt. Haben der Präsident und seine Gefolgsleute getan, was sie nicht durften, waren sie den vom Bankrott bedrohten Ölleuten amtswidrig zu Diensten?

Washingtons Skandalmaschinerie, in acht Clinton-Jahren gut geölt, in einem Bush-Jahr eingerostet, ist übers Wochenende wieder in Fahrt gekommen. Blitzschnell hat sich die Affäre entfaltet, und blitzschnell hat sich das Fernsehen in freudigem Schauer darauf geworfen - nach drei Monaten afghanischer Dauerberieselung. Es scheint, als sei Amerika aus der Schockstarre der Anschläge erwacht und entdecke nun seine Innenpolitik wieder. Durch die Verdachtsmomente alarmiert, hat der Kongress noch am vergangenen Freitag 51 Zeugen vorgeladen; 5 Ausschüsse wollen den Fall untersuchen, dazu das Justizministerium, das strafrechtlich ermittelt. Jeder Schnipsel regierungseigenen Papiers wird nun hin und her gewendet werden, jede E-Mail der Regierung Bush geprüft, genauso jeder Terminplan, jeder Besucher, jeder Widerspruch gegenüber früheren Behauptungen. Das alles kann dauern und vor allem ständig Schlagzeilen produzieren.

Enron hat mit Energie, mit Öl, auch mit Gas und Strom, später ganz neumodisch mit Derivaten gehandelt, wird schließlich - vor der Pleite im Dezember 2001 - zu Amerikas siebtgrößtem Unternehmen. Ein texanischer Aufsteiger der Boomjahre, angesehen, reich, mächtig. Und bestens vernetzt mit den anderen Reichen und Einflussreichen im Lande. Das ist auch nötig. Damit Enron mit seinem neuartigen Handel zum Großkonzern aufsteigen kann, muss der Energiemarkt radikal entstaatlicht werden. Anfang der neunziger Jahre beginnt Enron, in Washington für die Deregulierung zu werben, einige Dutzend der teuersten Lobbyisten streifen im Auftrag der Texaner durch die Stadt. Zugleich zeigt sich Enron spendabel und pflegt in großem Stile die politische Landschaft. Beide Parteien bekommen Geld, 5,7 Millionen Dollar seit 1989. 71 der 100 gegenwärtigen Senatoren haben Spenden von Enron erhalten. Der Senat beschließt im Übrigen wenig, was Enron missfallen muss.

Allerdings ist die Enron-Führung parteipolitisch nicht völlig neutral. Drei Viertel ihrer Großzügigkeit kommen Republikanern zugute. Auch unter denen zeigt sich Enron wählerisch. In all den Jahren erhält niemand so viel Geld wie der Bush-Clan, Texas erste Familie. Als Bush der Ältere 1992 zur Wiederwahl als Präsident antritt, ist sein wichtigster Spender und Spendensammler ein gewisser Kenneth Lay, Vorstandschef von Enron. Während des Parteikongresses sitzt Lay neben Bush in der Präsidentenloge.

Als Bush der Jüngere zwei Jahre später Gouverneur von Texas werden will, übernimmt er vom Vater den Förderer. Und der Förderer wird zum Freund. Ein Freund, dem der Gouverneur Bush 1997 einen sehr persönlichen Geburtstagsgruß schreibt:

"Alte Freunde zu haben ist eine traurige Sache. Sie scheinen immer nur älter zu werden - so wie du. 55 Jahre. Wow! Das ist verflucht alt. Gott sei Dank hast du so eine junge, schöne Frau."

Auch "Kenny Boy", wie Bush den Freund nennt, schreibt. Zum Beispiel 1999 als Dankeschön für ein Weihnachtspräsent: