Nichts ist eindeutig in dieser Nacht, es ist seit einer Stunde Donnerstag, und sie ist noch immer nicht da. Die Stille schluckt jeden Laut, nur der Portier steppt gegen die verrinnende Zeit an. Man stellt sich die Diva vor, den Verführer, die Femme fatale, den glamourösen Zauberer, die Elfe, das zerbrechliche Wesen, und plötzlich, um kurz nach eins, aus dem Bauch des Molochs Shanghai, im verwehten Regen der Nacht, kommt ein lemongelber VW Beetle vor der goldfarbenen Drehtür des 24-stöckigen Lenshang-Hotels zum Stehen. Die Fahrertür öffnet sich, jemand steigt aus, schwingt sich herein in die spiegelblanke Marmorbodenlobby und trippelt direkt auf den einzigen Gast zu, der sich um diese Zeit noch hier aufhält, seit Stunden in einem Polstersessel versunken. Diese kleinen, schnellen Schritte und ihr Klacken auf den Fliesen, da, endlich, kommt der Goldene Stern, und er ist von einer unerhörten Laszivität. Um halb zwei, Donnerstagmorgen, beschließt die wahrscheinlich beste Tänzerin der Welt, gegen alle Zumutungen des kalten Lebens eine heiße Schokolade zu trinken. Die Art, wie sie sich aus der Hotellobbycouch erhebt, hat etwas unerhört Bourgeoises. Der künstliche Seufzer ist kaum zu vernehmen; nur so hat er Stil.

Am nächsten Morgen kommt sie ungeschminkt. Am Oberlippenrand die drei kurzen, horizontal gesetzten Narben; unter der Nase eine Narbenparallele, einen Zentimeter lang. Ober- wie Unterlippe besitzen die gleiche Form, der Mund wirkt rund und voll. Das Nasenbein setzt erst kurz vor der leicht abfallenden Spitze ein, die Jochbeine beginnen bald unter den Schläfen. Wo sich früher sein Adamsapfel wölbte, ist ein kleiner Schnitt. Ihre Hände sind aufmerksam gepflegt, geschmeidig. Es sind keine femininen Hände, dafür sind sie zu groß, und die Fingerglieder sind lang und ausgeprägt. Auf einem der Finger steckt ein breiter Bernstein, auf einem anderen ein lila Juwel. Ihre Haut ist bleich, man sieht manche Unebenheit und bei genauem Blick letzte Bartstoppel am Hals. Die Unterarme sind haar-, selbst flaumlos. Ihr Körper wirkt müde, an der linken Wade, unter der dünnen schwarzen Strumpfhose, fällt eine Mulde auf. "Augen", sagt sie, "Augen sind die Fenster zur Seele, dort sieht man ihre Tiefe und Kindlichkeit, ihre Reinheit und Wachheit." Jin Xings Iris ist schwarz, die Äpfel liegen flach in den engen Fassungen einer Mandel, und aus der Tiefe ihrer Blicke spricht die Poesie einer unerhörten Verlorenheit. Sie redet nicht. Sie lacht nicht. Sie isst das Gemüse lustlos. "Mein Leben ist Abschied", sagt sie plötzlich, "ein Abschied nach dem anderen. Ich bin mein Leben lang einsam und allein ... So ist das." Dann lacht sie laut und frei und ohne Notwendigkeit, eine Tonlage höher als ihr Reden, und man wird den Schatten dieses Lachens nicht mehr vergessen.

Jin Xing ist für viele das kulturelle Aushängeschild Shanghais, und Shanghai, heißt es, ist das Versuchslabor Chinas. Wenn sich etwas verändert in China, dann zuerst in Shanghai. Die Rolle der Frau etwa: Es gibt viele "neue Frauen" in China, aber Jin Xing ist eine Allegorie auf die Verwandlung; ihre Biografie ist die Biografie einer Unerschütterlichkeit, eine sichtbare Parabel auf Chinas Metamorphose. Früher war das Reich ein geschlossenes System, beherrscht von Politik und Ideologie; heute erscheint China als ein System, das sich, zulasten seiner Traditionsverhaftung, selbst geöffnet hat.

Man weiß nie, wie Shanghai aussehen, nie, welche Maske es aufziehen wird. Nachts, wo das Zwielicht herrscht, blinken die Lichter seiner Türme wie rasende Funken, und am Morgen schon kann das alte, hölzerne, einstöckige Gassenhaus fehlen und mit ihm die Frau, die noch den gefüllten Nachttopf zur Sammelstelle trägt, und der schielende Greis an der Dreherbank mit dem blauen Kittel. Und übermorgen kann ein ganzes Wohnviertel fehlen, und in einem halben Jahr steht an jenem Platz, wo einst der Dreher saß, ein spiegelverglaster Turm mit 40 Stockwerken, darin eine weitere Shopping-Mall, eine Bank, ein Hotel aus der globalen Kette.

Shanghai, sagen seine Planer, sei die Stadt des 21. Jahrhunderts, die Weltstadt der Zukunft. Shanghai ist total urban, Stadt schlechthin. Gärten gibt es kaum, Parks wenige und Bäume nur, wenn, wie kürzlich, Gipfeltreffen stattfinden und Präsidenten kommen und das klinische Arrangement die Bewohner verstört, die sich alltäglich weiße Masken vor die Münder spannen, wenn sie mit den Rädern den Smog durchpflügen. Shanghai, spricht sein Mythos, ist die Geburtsstätte des modernen China. Anfang der neunziger Jahre gab es 20 Hochhäuser in Shanghai, heute sind es 3000 Wolkenkratzer. 30 Millionen Quadratmeter alte Wohnfläche wurden abgerissen, 100 Million neue geschaffen; 1000 Straßen wurden gebaut, ein Flughafen in Form einer abhebenden Möwe geschaffen und ein doppeletagiges Verkehrssystem aus hingewuchteten Tangenten, Hochbahnen, Brücken und Schleifen gegen unendlich.

Am 13. August 1967, im Sternbild des Drachen, wurde in der Mandschurei ein Kind in einen falschen Körper geboren, und man gab ihm den Namen Jin Xing, Goldener Stern. Die Mutter war sükoreanischer, der Vater nordkoreanischer Herkunft. Die Familie Xing gehörte zur koreanischen Minderheit in Shenyang, einer armen, lärmenden Industriestadt von zweifelhafter Attraktivität im Nordosten Chinas. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Nachrichtenoffizier in der chinesischen Armee. Darauf war die kleine Familie stolz, ein Armeerang bedeutete gesellschaftliche Achtung, Koreaner in China waren Fremde und ungeliebt. Und jetzt war der Sohn da; einen Sohn zu bekommen war zu jener Zeit mehr wert als zwei Mädchen, und die Xings hatten schon eine dreijährige Tochter.

Der Bub mit dem runden Mund und den mandelförmigen Augen hatte schnell die höchste Freude an den kleinen und zarten Dingen des Lebens, an der Anmut geschickter Bewegungen, an schönem Duft, an schönem Gesang. Er liebte Märchen und spielte mit den Puppen der burschikosen Schwester. Viel hielt er auf Ordnung und Sauberkeit, und eines Nachmittags besuchte seine Schwester mit ihm das Kino, ein Tanzfilm lief, und die Schwester schlief ein. Wieder zu Hause, räumte Jin sein Zimmer aus und imitierte die gesehenen Bewegungen. Der Goldene Stern war vier, als er spürte, dass die Bühne sein Leben sein würde, die Drehung, die Nacktheit, der Ausdruck. Und es begann ein Leben voller Träume, Passionen und Obsessionen, voller Brüche und Verwandlungen. Er wollte eine Königin werden. Man sagt, sie sei es geworden.