Der niederländische Schriftsteller Willem Frederik Hermans (1921-1995) hat seinen Weg gefunden, indem er allem Allegorischen auswich, die Motivgeschichte nicht zitierte, sie aber einkalkulierte, um eine Gleichnishaftigkeit zu erreichen, die auf den geschickt gelenkten Assoziationen des Lesers beruht. Die Dunkelkammer des Damokles erschien 1958 - ein Verschwörungsszenario aus dem großen vaterländischen Untergrundkrieg einer kleinen Nation; ein Roman aus der Nazizeit, der ein politisches Thema der historischen Überfrachtung entkleiden will. Einen Anfang beschreiben, als kenne man das Ende nicht. Aber am Ende noch wissen, wie es zustande kam. Welt-Anschauung statt Ideologie.

Die Dunkelkammer des Damokles handelt vom kleinen Mann, der seinen Feinden zum Verhängnis wird, den seine Freunde jedoch verhängnisvollerweise mit dem Feind verwechseln. Ein Hobbyfotograf im Kostüm des Rächers, dessen Mission so geheim ist, dass er seine guten Absichten nachher nicht mehr beweisen kann - was die Frage aufwirft, wie erkennbar das Richtige ist und ob es überhaupt existiert.

Willem Frederik Hermans hat den Krieg erlebt und sich hinterher zum "schöpferischen Nihilismus" bekannt. Der Geologiedozent schmähte in einem Schlüsselroman die eigene Universität, zwang den Bürgermeister von Amsterdam zu einer Entschuldigung, lehnte mehrere Preise ab und peinigte mit zorniger Aufrichtigkeit die Zeitgenossen derart, dass man sich nicht wundern muss, wenn erst jetzt ein deutscher Verlag den Mut hat, eines seiner Bücher herauszugeben. Darin tritt uns ein scharfer Denker entgegen, Verschwörer an allen Fronten, ausgefuchster Erzähler.

Kaum zwanzig Seiten benötigt Hermans bis zum ersten Finale, erzeugt jedoch nie den Eindruck der Hast, sondern fast der Gemächlichkeit durch eine Mischung aus Verschwiegenheit und Detailfreude. In null Komma nichts steht das Setting: das Dorf Voorschooten, schmale Hauptstraße, ein Tabakladen. Vor der Ladentür ein Menschenauflauf. Dann das Kind Henri Osewoudt, einen halben Kopf kleiner als die anderen Jungen, dessen Mutter soeben den Vater erschlug. Darum Evakuierung Henris zu Verwandten nach Amsterdam. Verführung durch eine ältere, hässliche Cousine. Heirat, Herzschlag der Tante, Hitler in Polen. Schon ist Osewoudt 19, zurück im elterlichen Tabakladen und hat das Gefühl, was getan werden musste, sei bereits getan.

Dass der Einmarsch der Deutschen für Osewoudt eine Erweckung ist, merken weder er noch der Leser sofort - weil die Eroberer noch die gleichen Helme tragen wie 1914, die Tram nach gewohntem Fahrplan fährt; vor allem aber, weil Hermans ein Meister der Beiläufigkeit ist. So harmlos der Krieg ausbricht, so unauffällig betritt Osewoudts Doppelgänger Dorbeck die Szene. Dieser Offizier der niederländischen Armee ist ein ungleicher Bruder der Hauptfigur: ebenso klein, mit den gleichen Gesichtszügen, doch sonst das genaue Gegenteil. Schwarzhaarig statt weißblond, gewohnt, zu befehlen anstatt zu gehorchen. Ein Napoleon neben einem Siebenmonatskind mit Napoleonkomplex. Durch die Spiegelung erst tritt Osewoudts Unvollkommenheit zutage, doch in grotesker Überhöhung des Bruderzwistes folgt daraus nicht Feindschaft, sondern Gefolgschaft. Wo in Dostojewskijs Doppelgänger ein imaginiertes perfektes Ich den eigentlichen Menschen zum Verschwinden zwang, gewinnt Osewoudt erst Kontur, wenn er als Schatten seinem besseren Selbst folgt. In Dorbecks Auftrag begeht er eine Reihe von Morden, nur kann er nach Kriegsende nicht beweisen, dass es Liquidationen im Namen des Widerstands waren statt im Dienst der Besatzer. Dorbeck allein könnte das bezeugen, doch der ist verschollen.

Freiheit! Als hätte sie je existiert ... 

Hermans erstreckt seine Geheimhaltung auch auf den Leser: Kein Wort über die pangermanischen Ziele der Nationaal Socialistischen Beweging (NSB) Hollands, ebenso wenig über die Untergrundkämpfer vom Orde-Dienst, über Gefängnisse wie das Oranjehotel und schon gar nichts über die 102 000 ermordeten niederländischen Juden, 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung (im Gegensatz zu 25 Prozent in Frankreich, 35 Prozent in Belgien). Ob die Niederländer besonders opportunistisch waren oder besonders widerständig, will Hermans nicht entscheiden. Ihn interessiert die moralphilosophische Seite der instrumentalisierten Gewalt, die Logik des Krieges, nach der ein Mord kein Mord ist und einer wie Osewoudt gleichzeitig Mitläufer und politischer Exzesstäter, Drachentöter und Serienkiller sein kann.