Als er jetzt die Bilder sah, wie die deutschen Soldaten in Kabul mit Blumen jubelnd empfangen wurden, ist ihm noch einmal in den Sinn gekommen, welche Auseinandersetzungen er führen musste im Parlament, um die Entsendung der Bundeswehr möglich zu machen. Bis zur Vertrauensfrage! Wir Journalisten, findet Schröder, und er will auch nicht darüber klagen, können diese drei Jahre als Spaziergang bewerten oder hinschreiben: War nix! Aber aus seiner Sicht war der konkrete "Modernisierungsprozess", von der Steuerpolitik bis zur Außen- und Sicherheitspolitik, unglaublich schwierig.

Nun allerdings ist es so, dass der Wettstreit Stoiber gegen Schröder den Eindruck verstärkt, es gehe um ein "Kopf-an-Kopf-Rennen". So behaupten es die Demoskopen. Einige sahen die CDU erstmals wieder knapp vorn, als Stoiber noch gar nicht nominiert war. Versteht das einer? Die schwarzen Kassen, Kohls Debakel, der Sturz Wolfgang Schäubles, das Autoritätsvakuum, Merkel, Stoiber, alles egal. Die Bundesrepublik nimmt sich selbst an die Hand, wenn die Politik das schon nicht schafft, und bastelt sich ihre konservative Mitte-Partei, die Staatspartei CDU, neu. Das ist das beeindruckendste Phänomen. So muss die Mitte, soweit mobil, von der Politik jeweils aufs Neue erobert werden. Das, und nicht das "Duell" von Kanzler und Kandidat, gibt dem Wahljahr seine wahre Dramatik.

Macht sich Schröders kooperatives Verhältnis zur Wirtschaft also nicht bezahlt? Den Sozialdemokraten kann es, aus Sicht des Bundeskanzlers, bestenfalls glücken, die Beziehungen zur Wirtschaft so weit zu normalisieren, dass sie nicht zum Ballast werden. Nur Karl Schiller und Helmut Schmidt bildeten Ausnahmen von dieser Regel, aber dem Kanzler Schmidt haben die Leute dafür bescheinigt, in der "falschen Partei" zu sein, während er, Schröder, deren Vorsitzender ist.

Erlaubt ist, was sich gut verkauft

Nur die Sympathiewerte sehen Schröder noch an der Spitze, darauf allerdings gründet viel von seinem Optimismus. Schröder, der Profi, weiß nur zu genau, dass nicht die Opposition, wohl aber die Regierung an den Erwartungen gemessen wird, die sie geweckt hat. Die muss man erfüllen, sagt er. Oder man muss "ganz genau begründen", weshalb es nicht gelingen kann. Schröder hat nun einmal versprochen, die Zahl der Arbeitslosen auf unter 3,5 Millionen zu drücken, was nicht glückt. Also muss er den Misserfolg "begründen". Das aber ist defensiv, und die Defensive liebt er nicht.

Ist bei alledem Stoiber für Schröder auch noch ein Angstgegner? Dem Spiegel antwortete Schröder noch an dem Tag, an dem Angela Merkel ihren Rückzug bekannt gab: "Sicher nicht. Er gehört zum Spitzenpersonal der Kohl-Ära, und genau dorthin will er zurück. Er steht für die Radikalisierung der demokratischen Rechten und gibt damit die Mitte preis." Stoiber, schob er noch nach, werde "polarisieren". Er sei ein "Spalter", assistierte Franz Müntefering, der SPD-Generalsekretär.

Beide machten es damit Stoiber im ersten Augenblick leicht, denn natürlich weiß der: Nur in der Mitte sind Wahlen zu gewinnen. Was genau allerdings "Mitte" ist, und wem es gelingt, sie zu definieren und am Ende für sich zu gewinnen - genau darum wird jetzt der Wettstreit gehen.