Stoiber, sagt Schröder, ist ein "Interventionist", einer der von Staats wegen in die Wirtschaft eingreift, wenn es den Unternehmen und den Arbeitsplätzen diene. Umgekehrt würde das Stoiber von Schröder nicht anders sagen. Sie sind "Modernisierer", die nicht als Neoliberale gelten möchten. Das Interesse der "kleinen Leute", nicht nur im milieuspezifischen Sinne, sondern auch im Blick auf ihre soziale Lage, hat die CSU groß gemacht. Und genau an der Stelle überlappen sich vermutlich die "natürlichen" Schnittstellen der Sozialdemokratie und der Christlich Sozialen Union ganz besonders.

Im Vorstand der SPD ist daher auch schon darüber verhandelt worden, ob sie denn gebannt abwarten sollen, bis der Kandidat Stoiber - nach dem Münchner Modell, wonach Privatisierungserlöse in einen Investitionsfonds überführt werden - auf ein Investitionsprogramm drängt, um für mehr Arbeit zu sorgen.

Wenn nicht alles trügt, steht der Bundesrepublik kein Wettlauf darüber bevor, wer der Neoliberalste im Lande ist. Dann hätten die Christdemokraten Stoiber wohl kaum nominiert. Sein Staatsinterventionismus von Fall zu Fall ist so ausgeprägt wie der Schröders, vom gemeinsamen Faible für die Autoindustrie abgesehen. In biomedizinischen Forschungsfragen geht Schröder vermutlich sogar ein klein wenig resoluter vor, der Modernisierungsfuror auf diesem Feld und die christlich-konservative Skepsis legen sich tendenziell gegenseitig lahm.

Schröder sucht. Stoiber ist von ihm aufgeweckt worden, aber umgekehrt gilt auch: Stoiber hat auch die Regierenden aufgeschreckt. Wenn nicht alles trügt, wird der Modernisierungswettstreit allerdings kaum zu einem ideologischen Streit nach dem "Motto Freiheit statt Sozialismus" führen, wie Strauß ihn 1980 erfolglos entfachte. Ob Stoiber wirklich die Mitbestimmung "schleifen" will, ob er den Atomausstieg zurücknehmen und die Ökosteuer streichen würde: Erstens steht es nicht fest, und zweitens sind das nun auch nicht gerade die Herzensthemen des Kanzlers.

Berlusconi, Kirch und die CSU

In dieser Stunde der - heilsamen? - Irritation taucht plötzlich der Name Oskar Lafontaine wieder auf. Im Wahljahr 1998 verkörperten Schröder und er nicht nur zweierlei Denkschulen, "Modernisierung" und "Sicherheitsdenken". Lafontaine stand auch für Bewegung, Druck, Wollen. Da hatte einer etwas im Sinn. Und er wollte ans Ziel, unbedingt. Das verweist auf eine augenfällige Schwäche der rot-grünen Koalition, die Stoiber mit seiner "Kompetenz" zwar nicht sofort kompensiert, die aber schwer zu leugnen ist. So unfair, so opportunistisch es oft ist, wie viele Medien und Meinungsmacher mal hü, mal hott rufen und heute abqualifizieren, was sie gestern noch rühmten: Es ist ja wirklich nicht immer leicht zu erkennen, was die Koalition politisch will.

Möglich, dass Edmund Stoiber es ihr im Wahlkampf am Ende doch noch erspart, die Frage genauer zu beantworten. Seine Nähe und die der CSU beispielsweise zu Haider, vor allem aber zu Berlusconi und damit zur europäischen Rechten insgesamt, könnten für ein überraschendes Streitthema sorgen: Europa. Von einer möglichen "Berlusconisierung" Europas hat Schröder intern bereits gesprochen (siehe nebenstehender Artikel). Andere fragten, wie lange man einer "kriminellen Vereinigung" stillschweigend zusehen wolle, die die Justiz kujoniert. Und wie ist das mit Berlusconi, Leo Kirch und der CSU? Auf diese Weise könnte die Frage, wer welches Europa will - eine Frage, die weder Schröder noch Stoiber laut stellen wollten - die beiden mit ihrer populistischen Witterung für Ängste und Ressentiments doch noch einmal bewegen.