Der "Zeitgeist", wie immer man das definiert, spricht nicht für eine Abwahl Schröders: Differenzierte Globalisierungskritik erweist sich als dringend notwendig (allerdings ist auch Stoiber dafür nicht blind), und die sozialen Friktionen in der Republik nehmen, bei aller Wohlhabenheit, spürbar zu. Und zwar so sehr, dass Schröder heute die "neue Mitte" gar nicht mehr so vage und pauschal als Ziel seiner Eroberungspolitik ausgeben kann wie 1998. Er käme nicht mehr damit durch, nur die sozialen Aufsteiger anzusprechen. Das bremst ihn beispielsweise auch, den Kündigungsschutz zu lockern: Bei vier Millionen Arbeitslosen ein Freibrief, um noch mehr Leute zu entlassen? Nicht mit mir!

Aber gerade weil auch Stoiber in die Mitte drängt und weil er sich von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm in seinem Wahlkampfteam den Rücken nach rechts so freihalten lassen möchte wie Schröder mithilfe des Innenministers Otto Schily, gerade deshalb wird die Frage drängender, was das "Eigene" der rot-grünen Koalition denn sei.

Stoiber und Schröder stehen ja durchaus für etwas anderes, auch wenn beiden - aus unterschiedlichen Gründen - daran gelegen ist, über diese Differenz keinen Krieg zu führen. Edmund Stoiber ist zwar dank bayerischer Ausnahmestellung von dem Verdacht einigermaßen frei, ein Mann der Kohl-Ära zu sein. Aber ein Neuanfang mit all den bekannten Gesichtern aus der Regierungszeit vor 1998?

Die Frage hat mehr Widerhaken, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn die Bundesrepublik hat zwar Kohl abgewählt, der die Republik streng in Lager gliederte und nach Parteien sortierte, eine Welt, die auch zurückführte hinter die Liberalität, die sich das Land längst erstritten hatte. Von dieser alten autoritären Welt verkörpern die CSU und das bayerische Staatsverständnis - bei aller unbestrittenen Modernität auf vielen Feldern - doch eine Menge.

Aber auch für Schröder verbirgt sich darin ein Problem. Wenn es gerade die kulturelle Differenz ist, die ihn von Stoiber unterscheidet, müsste er sich zu diesem Moment seiner Koalition stärker bekennen. Genau das aber fällt ihm schwer. Deshalb will Schröder auch nicht von einem gemeinsamen "Projekt" sprechen. Alles, was mit Rot-Grün assoziiert wird, und das sind Fragen wie "Nachhaltigkeit", Ökologie, Lebenswelt, Energie, der Süden der Welt nicht nur als Aufgabenfeld für die Bundeswehr, Globalisierung - all das ist nicht Schröders prioritäres Interesse. Man kann auch sagen: Er versteht diese Fragen, aber sie bleiben ihm fremd.

Mit einem couragierten Bekenntnis zur Ökosteuer allein lässt sich kein Blumentopf geschweige denn Wahlen gewinnen. Ohnehin ist das wahre Manko dieser Koalition, dass ihr eine Perspektive fehlt: Rot und Grün werden in dieser Konstellation, nicht zuletzt dank der PDS, wohl nicht noch einmal bestätigt. Aber dennoch: Das politische Potenzial, unter dessen Etikett diese Koalition steht, bleibt unausgeschöpft.