Wenn der Trubel um den Jahresanfang langsam verebbt ist und wir die letzten Tage Resturlaub abfeiern, legt sich eine eigentümliche Stille über das Wohnzimmer. Es sind die Tage der inneren Einkehr und der analytischen Betrachtung - Zeit also, sich mit spitzem Bleistift und ein paar Dosen Bier an den Couchtisch zu setzen, um sich in Ruhe Gedanken zu machen. Über Fußball. Die routinemäßige Aufstellung der deutschen Idealelf für das neue Jahr ist flott erledigt, wirft aber ihrerseits theoretische Fragen auf. Was zeichnet eine große Mannschaft aus? Lässt sich Erfolg erzwingen? Gibt es ein Geheimnis jenseits von millionenschweren Spielertransfers, Viererkette und Motivationstrainern? Um den Blick auf diese Fragen zu schärfen, ist es ratsam, das Blendwerk des bezahlten Fußballs beiseite zu lassen. Ohnehin sind professionelle Fußballer nur eine kleine, wenn auch laute Minderheit.

Tipp 1: Der Rechte spielt auf Links

Klaus Riegert ist einer der stillen Stars des deutschen Fußballs. 172 Tore schoss der Schwabe in 150 Spielen, doch anstatt seine Knochen für Geld hinzuhalten, schlägt er sich als CDU-Bundestagsabgeordneter durch. In den Sitzungswochen streift sich seine Freizeitmannschaft, der FC Bundestag, im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark die Trikots der deutschen Nationalmannschaft über. Zum Kader zählen mit Joschka Fischer (torlos), Peter Struck und Theo Waigel (jeweils 3 Treffer) einige große Namen, doch die Stützen des Spiels sind die Hinterbänkler. Joschka Fischer hatte früher schon wenig Zeit, und jetzt hat er gar keine mehr, sagt Kapitän Riegert.

Die Rollenverteilung auf dem Platz ist durchdacht: Den Linksaußen gibt CSU-Mann Klaus Rose, den Rechtsaußen der SPD-Abgeordnete Günter Graf - das ist für den Gegner schwer auszurechnen. Gut tat es dem Team außerdem, dass mit der letzten Wahl einige junge Spieler ins Parlament gespült wurden, die den Altersschnitt deutlich gedrückt haben. In der 26 Jahre alten Grietje Bettin, die das Spielrecht im vorletzten Jahr als Nachrückerin erworben hat, steht zudem zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten eine Frau für das Bundestagsteam auf dem Platz.

Entsprechend rund lief die Saison. Nach dem 2 : 1-Erfolg über das polnische Parlament schien der FCB zunächst zu schwächeln. Gegen die Abgeordneten Ungarns erkämpften sie auswärts ein 1 : 1 und mussten sich in Moskau der Duma 0 : 1 geschlagen geben. Doch bereits im Mai konnte der Bundestag beweisen, dass er letztlich eine Turniermannschaft ist. Bei der Europameisterschaft in Würzburg kochten die Parlamentarier ihre Kollegen aus der Schweiz, aus Finnland und Österreich ab - ohne Gegentor und Punktverlust.

Was die Elf so stark macht, liegt auf der Hand: Der Kader wird vom Volk bestimmt. Und dem Volk wurde schon öfter bescheinigt, eine Ansammlung von 80 Millionen Bundestrainern zu sein.

In guter Form zeigt sich derzeit auch die Literatur-Auswahl, die jedes Jahr im österreichischen Klagenfurt auf eine Mannschaft des Österreichischen Rundfunks trifft, seit einige der literarischen Hauptakteure beim WM-Gucken 1990 der Ehrgeiz packte. Während in Klagenfurt nach der Verleihung des letzten Bachmann-Preises schon gemault wurde, die Texte seien nicht so doll gewesen, herrschte Einigkeit darüber, dass die Literaten inzwischen durchaus passabel Fußball spielten. Erstmals konnte das Team der Poeten, Lektoren und Feuilletonisten die Übermacht des eingespielten ORF brechen.