Freilich ist das Verhältnis zur Geschichte bei beiden nicht das gleiche. In Polen ist Literatur, anders als bei uns, etwas Existenzielles; stets wird Literatur unter dem Aspekt von Gesellschaftsgeschichte betrachtet. Wie tief das Empfinden für Volk, Heimat und Ehre ist, wird deutlich an dem Eid, den die Untergrundarmee im Zweiten Weltkrieg schwören musste:

"Vor Gott, dem Allmächtigen, vor der Heiligen Jungfrau Maria, der Königin der Krone Polens, lege ich meine Hand auf dieses heilige Kreuz, Symbol des Märtyrertums und der Erlösung. Ich schwöre, dass ich die Ehre Polens mit aller meiner Kraft verteidigen will, dass ich mit der Waffe in der Hand kämpfen werde, um mein Vaterland von der Sklaverei zu befreien, bereit, mein Leben zu opfern." Kein anderes Volk hat so viele Wechsel durchleiden müssen. Ein Bekannter von mir, der bei Mugaszewo in der Karpato-Ukraine gelebt hat, berichtet: "Ein Pole wurde dort von einem Fremden nach seiner Herkunft gefragt. Ich bin, antwortete er, im habsburgischen Reich unter Kaiser Franz-Josef geboren, in Ungarn zur Schule gegangen, war bei den Tschechen in der Armee, bei den Deutschen im Gefängnis und bin dann sowjetischer Bürger geworden." Der Fremde staunt: "Da sind Sie aber viel herumgekommen." Antwort: "Nein, ich bin immer in Mugaszewo geblieben."

Für ein Volk mit solcher Vergangenheit ist Literatur natürlich nicht einfach Belletristik. Für die Polen waren Dichter und Schriftsteller stets die Hüter des nationalen Erbes. Sie - wie auch die Kirche - waren die Wahrer der Kontinuität. Ebendeshalb ist das Deutsche Polen-Institut so unentbehrlich für jeden, der unser Nachbarland wirklich verstehen will.

Was hat denn das Institut bisher geleistet? Es wurden 50 Bände Polnische Literatur, vom Mittelalter bis zur Neuzeit übersetzt und veröffentlicht, 350 Seiten pro Band; die Auflage betrug im Durchschnitt 1000 Exemplare, aber einige Bände brachten es auch auf 5000. Bei der Finanzierung dieser Edition hat die Bosch Stiftung entscheidend mitgewirkt. Editionen, Vorträge, Förderpreise: Der Dialog gedeiht

Ferner hat das Institut sieben Bände Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts herausgegeben, je Band 1000 Seiten, Preis 90 Mark. Der letzte Band erscheint zur Leipziger Buchmesse, die in diesem Jahr Polen als Schwerpunkt gesetzt hat. Schließlich wurde eine vierbändige Bibliografie zur Geschichte und Gegenwart der deutsch-polnischen Beziehungen erstellt.

Wie das Institut finanziert wird? Für das Haushaltsjahr 2000 beträgt der Etat 1,9 Millionen Mark, davon tragen die beiden Länder Hessen und Rheinland-Pfalz zusammen 40 Prozent, die Kultusministerkonferenz, das heißt alle anderen, 60 Prozent.

Im Übrigen bemüht sich das Institut, durch Vorträge, Ausstellungen, Betreuung von polnischen Wissenschaftlern, Verlegern und Übersetzern systematische Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Diesem Zweck dient auch die Präsenzbibliothek im Hause, die 40 000 Bände umfasst und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Bedeutsam sind desgleichen der Förderpreis und die Stipendien der Robert Bosch Stiftung für polnische Autoren und Übersetzer deutschsprachiger Literatur.