Ich habe den größten Teil des Jahrhunderts, das jetzt hinter uns liegt, miterlebt. Es gab kein zweites, das so reich an Katastrophen war: zwei Weltkriege, Stalin, Hiroshima, Hitler, der Holocaust. Ihr, liebe Schüler, werdet es besser haben, davon bin ich überzeugt - aber Probleme werden auch auf euch zukommen. Wir leben heute in einer Epoche unbegrenzter Freiheit im Rahmen des marktwirtschaftlichen Systems, in dem der Wettstreit darüber entscheidet, wer überlebt. Der Motor des Wettstreits ist aber der Egoismus, und darum wird für jedermann die Versuchung, fünf gerade sein zu lassen, sehr groß. Die Versuchung nämlich, es mit der Steuer, mit den Gesetzen, mit den Methoden gegenüber der Konkurrenz nicht so genau zu nehmen. Wie wünscht man sich in einer solchen Zeit die Schüler dieser Schule? Ich würde mir wünschen, dass sie bereit sind, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, also nicht nur ans Geldverdienen zu denken und zu meinen, für den Rest solle der Staat aufkommen.

Und ich hoffe, dass sie Toleranz ganz wichtig nehmen, denn nur wer tolerant ist, verfällt nicht in Arroganz und Überheblichkeit, sondern prüft des anderen Meinung, auch wenn er zunächst meint, die seine sei die einzig richtige. Und ich hoffe, dass sie liberal sein werden und weltoffen. Der Bürger soll offen sein für Veränderungen, denn Geschichte ist ein Prozess und kein Zustand. Und er soll, was ihm fremd erscheint, nicht als Häresie verdammen. Wer Liberalität bewusst praktiziert, wird nicht dem Ideologen glauben, der sein System als Schlüssel zu Glück und Gerechtigkeit anpreist.

Ich hoffe schließlich, dass eine Kooperation - eine Art Brüderschaft - zwischen der polnischen Schule in MikoIajki, die meinen Namen trägt, und der Schule in Lahnstein zustande kommen wird.

Euch und den Lehrern wünsche ich Freude an der Arbeit, Glück und Erfolg.