Ferner steht auf dem Programm ein sehr spezielles Handbuch der Literatur des 20. Jahrhunderts, das auf sieben Bände angelegt ist, von denen vier bereits fertiggestellt worden sind. Schließlich veranstaltet das Institut regelmäßig Vorträge und Ausstellungen in beiden Ländern, auch lädt es polnische Verleger und Übersetzer nach Deutschland ein und betreut sie hier. Noch nie sind die Wurzeln polnischer Kultur und Dichtung so kenntnisreich, sensibel und behutsam dargestellt worden.

Für die Polen ist Dichtung etwas Existentielles, denn Literatur ist für sie stets Geschichte und Heimat zugleich gewesen. Das hängt mit ihrem historischen Schicksal zusammen, mit der immer wieder geteilten Existenz - geteilt zwischen ganz verschiedenartigen Kulturen: zwischen den orthodoxen, dem Osten verhafteten Russen, den katholischen, urbanen Habsburgern und den protestantischen, ordnungsfanatischen Preußen. Da bleiben nur Sprache und Kirche als Heimat.

Wieso gerade Dedecius? Weil sein Leben exemplarisch ist für die Aufgabe, die das Schicksal und er selber sich gestellt haben. Er wurde von deutschen Eltern in Lodz, der zweitgrößten Stadt Polens, geboren - hinein in jene ethnisch gemischte, tolerante, polyglotte Gesellschaft des alten Europa. Seine Klassenkameraden im polnischen Gymnasium waren zwölf Polen, sechs Deutsche, sieben Juden, zwei Franzosen, ein Russe. In Sprache, Kultur und Gewohnheiten beider Länder ist er gleichermaßen zu Hause. Darum war es ein grausamer Prozeß, als er 1941, zwanzigjährig, aus dem polnischen Arbeitsdienst entlassen, zum Kriegsdienst in Deutschland einberufen wurde und nun mit der Waffe in der Hand gegen seine einstigen Kameraden kämpfen mußte. Karl Dedecius, in Harmonie aufgewachsen, wurde nun in einen polnischen und einen deutschen Dedecius zerlegt.

1943 geriet er in Stalingrad in Gefangenschaft: Hunger, Fleckfieber, Malaria - als er nach sieben Jahren entlassen wurde, wog er nur noch 37 Kilo. Geistig hat er sich in dieser Zeit mit Übersetzungen am Lebengehalten. "Übersetzen", sagt er, "bedeutet Über-Setzen über den trennenden Fluß auf die andere Seite." 1959 erschien seine erste Übersetzung polnischer Lyrik als Buch unter dem Titel "Lektion der Stille" - ein großer Erfolg. 1964 folgte eine Erstausgabe der Gedichte des Dichters Zbigniew Herbert. Heute liegen etwa hundert Buchpublikationen von ihm vor, davon sind zehn sozusagen eigene Produktion. Dedecius hat den Nobelpreisträger des Jahres 1989, Czeslaw Milos, bereits 1959 übersetzt und damit dessen Werke für eine große Leserschaft im Westen erschloßen; und sehr früh übersetzte er ein anderes großes Talent: Tadeusz Rozewicz.

Dedecius hat - ich habe es nachgezähltneunzehn Auszeichnungen bekommen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Band und den Verdienstorden der Republik Polen-Kommendaria Klasse. Wenn jemand ihn fragt, warum er immer noch zwölf Stunden am Tag arbeitet, dann sagt Dedecius: "Verlorene Jahre gab's in meiner Biographie genug, daher diese verbissene Rationalität im Umgang mit der Zeit."