Zunächst schloß sich die Partnerschule der Viernheimer, das Lyceum Marion Dönhoff im polnischen Mikolajki dem Projekt an. Auch ihr Ziel war es, die Spuren aus der Zeit von 1933 bis 1945 zu recherchieren. Beide, Viernheim und Mikolajki, sind Europa-Schulen, sind mit der EU verbunden und haben die Förderung von internationalem Schüleraustausch zu ihrer Aufgabe gemacht. Im Geist Europas schlossen sich in der zweiten Phase des Projekts zwei weitere Europa-Schulen dem Vorhaben an. Das Collège Emile Malroy in Grigny, Frankreich, und das Istituto Tecnico in Rovigo, Italien. Auch diese sind auf der Suche nach ihrer Vergangenheit: Sie stöbern Zeitzeugen auf und ehemalige Mitglieder der Résistance, sie photographieren Dokumente für eine Ausstellung, die in allen vier Ländern gezeigt wird. Ihnen allen geht es nicht darum, vorhandenes Material aufzuarbeiten, sondern selbst zu recherchieren.

In diesem Jahr kamen Lehrer und Schüler aus den vier Nationen zusammen, und zwar in Mikolajki, in "meiner Schule" also, wo gerade die Abiturfeier stattfand. Es war eine Gruppe gescheiter, neugieriger junger Leute, die zusammen zur Wolfsschanze, ehedem Hitlers Hauptquartier, fuhren. Viele Fragen bewegten sie. Fragen, die mir als Zeitzeugin oft gestellt werden. Beispielsweise: Wenn das Hitler-Regime sich schon 1933 als Verbrechersystem enthüllte, warum ist dann der Widerstand erst in Aktion getreten, als der Krieg verloren schien?

Diese Behauptung ist falsch, ganz im Gegenteil hatte die Opposition versucht, den Ausbruch des Krieges zu verhindern. Darum bereitete sie sich schon 1938 darauf vor, Hitler, der die Tschechoslowakei überfallen wollte, unschädlich zu machen. Zu diesem Zweck hatten sich der Kommandeur des Wehrkreises Berlin und der Kommandeur der Potsdamer Garnison zur Verfügung gestellt. Eine Panzerdivision unter General Hoeppner stand ebenfalls bereit für den Fall, daß die Leitstandarte eingreifen sollte. Zur gleichen Zeit entschloß sich Major Hans Oster von der Abwehr, der die Schlüsselfigur der militärischen Opposition war, mit Staatssekretär von Weizsäcker im Auswärtigen Amt zu kooperieren, um Hitlers Angriffspläne zu vereiteln. Weizsäckers Vertrauter war damals Erich Kordt, dessen Bruder Theo Botschaftsrat in London war. Dieser bekam den Auftrag, mit Außenminister Halifax Verbindung aufzunehmen; Ziel: Er möge den englischen Premierminister Chamberlain beeinflussen, energisch gegen Hitler aufzutreten.

Halifax sagte zu, aber Neville Chamberlain reiste statt dessen nach München und machte Hitler alle Zugeständnisse, die dieser in bezug auf das Sudetenland forderte. So wurde der Staatsstreich verhindert, den die Opposition für den Fall vorbereitet hatte, daß Hitler in die Tschechoslowakei einmarschieren sollte. Und noch einmal, 1939, vor der Polenkrise, wurde ein Emissär nach London geschickt. Graf Gerhard Schwerin, Oberstleutnant im Generalstab, erhielt den Auftrag, der englischen Führung zu sagen: "Schickt ein Flottengeschwader nach Danzig, führt dem deutschen Luftwaffenchef eine neu aufgebaute Luftflotte vor, treibt den Militärpakt mit der Sowjetunion voran - das einzige, was Hitler von Abenteuern abhalten kann, ist ein drohender Zweifrontenkrieg." Erfolg: Null. Drei Jahre später, im Juni 1942, brachte Adam Trott unter Lebensgefahr eine Denkschrift nach London, in der die Opposition nur um eins bat: einen Unterschied zwischen Nazis und Deutschen zu machen, damit nicht das ganze deutsche Volk antagonisiert werde. Aber Außenminister Eden, der offenbar keine Ahnung vom Wesen einer Diktatur hatte, verlangte, daß "diese Leute" sich zuerst "decouvrieren" und sichtbare Zeichen ihrer Absichten geben müßten.

Einer der ausländischen Lehrer fragte mich beim Besuch in Mikolajki, wie ich als Zeitzeugin den 20. Juli 1944 geschichtlich einordne. Meine Antwort: Es gibt kein anderes Land, in dem führende Vertreter der Nation um der Moral, des Rechts und der Freiheit willen so große Opfer gebracht haben.

Große Opfer? Antwort: Nach dem 20. Juli 1944 wurden hingerichtet: 19 Generäle, 26 Obersten, 2 Botschafter, 7 Diplomaten, 1 Minister, 3 Staatssekretäre sowie der Chef der Reichskriminalpolizei; ferner mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten, Regierungspräsidenten.

Frage: Und wie kommt es dann, daß dieses Ereignis so wenig gegenwärtig ist im Geschichtsbewußtsein der Deutschen? Antwort: Das liegt an einer Kettenreaktion von Ereignissen. Sofort nach dem mißglückten Attentat ließ Hitler immer wieder erklären: "Eine kleine Clique ehrgeiziger Offiziere ..." seien die Verbrecher gewesen. Er ordnete ferner an, daß keine Todesanzeige veröffentlicht werden dürfe und die Namen der Verbrecher unerwähnt bleiben müßten. Ein katholischer Geistlicher, der durch die Beichte von den Attentatsplänen erfahren hatte, ohne sie zu melden, wurde hingerichtet. Der Terror war so allumfassend, daß niemand sich traute, gegen die Befehle zu handeln.

In Deutschland selbst wurde also das Ereignis totgeschwiegen, und die Alliierten taten ihr möglichstes, die Wahrheit zu unterdrücken. Washington wiederholte die Interpretation Hitlers, und Churchill, der es, weiß Gott, besser wußte, erklärte am 2. August 1944 im Unterhaus, es handele sich bei den Vorgängen des 20. Juli lediglich "um Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches".

Die New York Times schrieb am 9. August 1944, daß das Attentat eher an die Atmosphäre einer finsteren Verbrecherwelt erinnere als an die, welche man normalerweise im Offizierscorps eines Kulturstaates erwarten würde. Die Zeitung war besonders empört darüber, daß einige der höchsten Offiziere sich während eines ganzen Jahres mit dem Plan beschäftigt hatten, das Oberhaupt des Staates, das doch zugleich Oberkommandierer der Armee war, zu entführen oder zu töten. Und dies auch noch "mit einer Bombe, der typischen Waffe der Verbrecherwelt". - Bis zum Kriegsschluß änderte sich der Tenor der alliierten Propaganda nicht. Sie wollten offenbar die von ihnen gewünschte Totalkapitulation der Deutschen nicht gefährden - darum durfte es keinen Widerstand in Deutschland gegeben haben, vielmehr mußte deutlich werden, daß alle Deutschen Nazis gewesen sind. Und dann, nach dem Ende des Krieges, als zwölf Millionen Flüchtlinge in das zerstörte Land und in die verwüsteten Städte strömten, dachte niemand mehr an das Jahr 1944 und das mißglückte Attentat.

Was für eine Genugtuung ist es, heute zu erleben, daß europäische Schüler in systematischer zweijähriger Arbeit die Wurzeln totalitärer Systeme in ihrer Region freigelegt haben. Wir sollten uns an diesen jungen Menschen und ihren Lehrern ein Beispiel nehmen.