Ja, es gibt eins. Es lautet: Fakten spielen in der Geschichte keine Rolle, entscheidend sind die Vorstellungen, die sich die Menschen von den Fakten machen.

Ein Beweis, wie zutreffend diese These ist, bietet das, was sich zur Zeit in Frankreich abspielt. Der Prozeß gegen den ehemaligen Polizeipräfekten von Paris, Maurice Papon, dem vorgeworfen wird, Mitverantwortung für die Deportation und Tötung von Juden zu tragen, läßt plötzlich das Bild, das die Franzosen von sich und ihrer Vergangenheit kultivieren, höchst fragwürdig erscheinen. Nein, mehr noch: Es löscht das bisherige Bild einfach aus - nicht für alle, aber für sehr viele.

Bisher wurde in den Geschichtsbüchern das Land zu den alliierten Siegern gezählt; die Jahre des Vichy-Regimes waren eine Angelegenheit der deutschen Verbrecher, die Franzosen hatten damit nichts zu tun. Siegreich und makellos ging die Nation aus den Wirren des Zweiten Weltkriegs hervor.

Und nun bestätigt sich auch vor Gericht plötzlich, daß führende Persönlichkeiten an der Deportation und der Tötung von Juden aktiv beteiligt waren. Damit erscheint auch der Mythos de Gaulles in einem anderen Licht. Denn Charles de Gaulle, der es vermutlich besser wußte, war ja auch verantwortlich für die "Revitalisierung" des Volkes nach der Niederlage in Indochina und dem Verlust Algeriens, schon darum mußte er die Legende von der unbescholtenen Vergangenheit pflegen. Wir erleben also aus nächster Nähe, wie die Interpretation des Geschehens sich verändert, wie die Wahrheit zum Durchbruch kommt.

Ist es wirklich die Wahrheit - wie kann Wahrheit zeitgebunden sein? -, oder gibt es eine objektive und eine subjektive Wahrheit? Es gibt jedenfalls in der Geschichte einen subkutanen Zug der Zeit, eine Art unsichtbares Netz verbindet die Menschen einer Epoche. Dies war längst der Fall, ehe das Stichwort vom Globalismus in aller Munde war. Wie sonst ist es zu erklären, daß fünfzig Jahre nach dem Geschehen gleichzeitig- fast auf einen Schlag - in der Schweiz, in Schweden, in England und jetzt in Frankreich eine neue Sicht der Dinge zum Durchbruch kommt.Gibt es Dokumente oder Ereignisse, die bisher nicht bekannt waren? Sie waren bekannt, wurden jedoch von oben vertuscht und unten verdrängt. Allgemeine Akzeptanz ist aber die Voraussetzung für den Wandel der Vorstellungen.

Frankreich hat vor nicht langer Zeit schon einmal das Phänomen einer Veränderung seines Geschichtsbewußtseins erlebt: Die große Revolution von 1789, die den marxistischen Intellektuellen als Modell für alle folgenden bürgerlichenRevolutionen galt und von ihnen als ökonomischer Klassenkampf interpretiert wurde, ist durch den bedeutenden liberalen Historiker François Furet erfolgreichumgedeutet worden.

Furet, der sein Leben dem Studium der Französischen Revolution widmete, hat inden vergangenen dreißig Jahren mit vielen Studien nachgewiesen, daß nicht der Klassenkampf, sondern philosophische und politische Ideen den Kern der Revolution bildeten. Mit dem Niedergang marxistischer Tendenzen unter den französischen Intellektuellen hat sich diese Version jetzt weitgehend durchgesetzt.