Aber ein abendliches Festereignis nur für Journalisten, mit Defilee und Smoking, dunklem Anzug oder Tracht als Kleiderordnung? Was für eine seltsame Mixtur von Hofzeremoniell und Öffentlichkeitsarbeit! Zumal es dann bei näherem Hinsehen so formvollendet auch wieder nicht zugeht, die einen doch im Sakko erschienen sind wie zur Redaktionskonferenz, andere die Eröffnung des Buffets nicht abwarten mögen und hier Ministern behände zum Interview nachgestellt wird. Ein irritierendes Schauspiel, das Fragen nach Schein und Wirklichkeit aufwirft.

Wie fabelhaft ist Bayern tatsächlich, wie authentisch oder fabriziert, wie verschieden vom Rest der Bundesrepublik? Wie funktioniert das eigenartige Ding? Stoibers Kandidatur hat den Blick auf Stoibers Land gelenkt. Vor allem auf die Wirtschaft; kein Wunder, da die Staatsregierung so viel Wesens davon macht und Deutschland in der Rezession steckt. Kein Wunder auch, dass nun im Gegenzug die Schmutzecken des vermeintlichen Wohlstandsparadieses ausgeleuchtet werden. Vor ein paar Tagen konnten die Fernsehzuschauer zur besten Sendezeit durch das Magazin Monitor mit dem Armenhaus Bayerns Bekanntschaft schließen, dem Bezirk Oberfranken, wo die Porzellanindustrie zusammengebrochen ist, die Arbeitslosigkeit steigt und die Leute vor der Kamera in tristen Kulissen auf den Ministerpräsidenten schimpfen. Die blühende Hauptstadtregion und die verkommene Provinz, in der Mitte hui und am Rande pfui - ein bisschen wie auf dem Neujahrsempfang, wo im Zentrum der entschlossene Repräsentationswille herrscht und in sicherer Entfernung die Krawattenknoten gelockert werden.

Integration durch Verbrüderung, Verbrüderung durch Besäufnis

Aber am Ende ist Bayern ökonomisch überhaupt nicht zu begreifen, weder als echtes Erfolgsmodell noch als überbewertete Aktie. Das verkennt und verlangweilt den Freistaat wie auch die Wahrnehmung als Folklorekuriosum, das dem einen zusagt und den anderen abstößt. Etwas tiefer muss man schon graben, in die Vergangenheit und in die Landesseele, denn im Kern ist Bayern eine historische und kulturelle Angelegenheit. Auch da haben die Kritiker schon zugeschlagen und dem Publikum verraten, dass das scheinbar so urtümliche Bayern eigentlich eine Fälschung ist, eine synthetisch hergestellte Geschichtsdroge zur Belebung des Fremdenverkehrs und zur Linderung von Modernisierungsschmerzen. Tatsächlich haben die Herrscher des Landes, von den Wittelsbachern des 19. Jahrhunderts bis zu den heutigen Christsozialen, alle Mühe auf eine höchst bewusste Identitätsbildung verwandt; von dem Journalisten Herbert Riehl-Heyse gibt es ein belehrend-unterhaltsames Buch über die CSU als "die Partei, die das schöne Bayernland erfunden hat". Doch ganz ohne Substrat hätte man da nichts erfinden können.

Was ist das nun, das Bayerische? Hans Maier, Kultusminister von 1970 bis 1986, jedoch in Freiburg geboren, fängt zur Erläuterung so an, mit einem Vergleich zwischen Heimat und Wahlheimat: "Man sieht es schon, wenn man sich die Bauernhäuser vor Augen stellt, die tief heruntergezogenen Dächer im Schwarzwald und die offenen Fronten im Chiemgau." Bayern ist extrovertiert, theatralisch; ein Garten der Kunst und Musik, von der Wieskirche bis zu Richard Strauss, aber ohne Philosophen. Allerdings, dieses sinnenfrohe Rokokobayern, das fließend ins Salzburgische übergeht - das ist nicht das gleichnamige Bundesland von heute. Schon "Altbayern", der wittelsbachische Besitz bis gegen 1800, umfasste mehr als bloß den lieblichen Süden; die Landstriche um Passau, Landshut, Regensburg gehörten auch dazu. Und dann kamen, durch Napoleon und die Folgen, die wirklich dicken Brocken: die schwäbischen Gebiete im Westen von Ulm bis ins Allgäu und vor allem, im Norden, Franken. Das war nun eine gründlich andere Welt mit haufenweise Protestanten, mit der Freien Reichs- und stolzen Bürgerstadt Nürnberg und mit einer sehr eigenen politisch-historischen Prägung: Franken ist immer "deutscher" gewesen als das alte Bayern, kaiserlicher, später auch nationalistischer. Bis jetzt ist selbst die CSU hier nicht ganz dieselbe wie in Ingolstadt oder am Tegernsee: weniger weiß-blau, bundesfreundlicher - aber, wenn es ums Rechtssein geht, noch einen Zacken zackiger, weil der Konservativismus in Franken manche deutschnationalen Züge behalten hat und ihm die katholische Großzügigkeit fehlt.

Bayern, wie es nach Napoleon im Großen und Ganzen in seinen jetzigen Umrissen auf der Landkarte stand, war also alles andere als der Monolith, der es in Wahrheit auch heute nicht ist; es musste von Anfang an mit Kraft und List zusammengehalten werden. Daher die Geschichtspolitik, das Staatsinteresse an schöpferischer Brauchtumspflege; das Oktoberfest etwa ist ursprünglich eine Art organisierte Get-together-Veranstaltung für die verschiedenen Stämme gewesen: Integration durch Verbrüderung, Verbrüderung durch Besäufnis. Im Alltag sorgte eine straff zentralistische Bürokratie für die nötige Einheitlichkeit, was sich gleichfalls bis in die Gegenwart erhalten hat. Der Föderalismus, den der Freistaat in der Bundes- und Europapolitik gern einklagt, ist, noch einmal Hans Maier, "ein Exportartikel, im Inneren machen wir weniger Gebrauch davon". Man darf, so karikiert Eberhard Straub, der ein schönes Buch über die Wittelsbacher geschrieben hat, in Bamberg keine Straßenlaterne aufstellen, ohne zuvor im Innenministerium um Erlaubnis zu fragen. München ist die Sonne, um die das Planetensystem des Landes kreist, es ist, mit einer sonst in Deutschland nirgends anzutreffenden Analogie, für Bayern, was Paris für Frankreich ist.

Also repräsentativ und zugleich wieder nicht. Man kann die Stadt unbayerisch finden, wie es ja auch eine romantisierende Johanna-von-Orleans-Perspektive gibt, aus der Paris unfranzösisch erscheinen mag. Nur hat München, anders als Paris, stets gerade mit seinen Ursprünglichkeitsresten gelockt, mit dem letzten Hauch von Landluft, wie verdünnt oder parfümiert auch immer. Für Thomas Mann war es die Alternative zum asphaltliterarischen Berlin. Und noch in den siebziger Jahren, als es den Ruf einer Hauptstadt der Lebensfreude erwarb, war dabei neben dem Charme einer bundesweit ausstrahlenden Küsschenwelt auch der einladende Reiz einer stilisierten Folklore im Spiel; am Trachtenanzug von Loden-Frey gibt sich bis heute der gebürtige Königsberger oder Hannoveraner zu erkennen. München ist ein kulturelles Umspannwerk, es verfremdet das Bayerische und bajuwarisiert das Fremde. Freilich nimmt man von außen kaum wahr, dass die Hauptstadt auch das landesinnere Fremde bajuwarisiert, und nicht bloß kulturell, sondern ebenso politisch: Die Franken pflegen sich zu beklagen, dass Franken wohl ohne Mühe in München Karriere machen können, sie dann aber auf einmal keine fränkischen Interessen mehr vertreten, sondern mit Konvertiteneifer den bayerischen Staatsstandpunkt einnehmen.