Dabei geht es gar nicht ums Vertrauen. Es geht um Kontrolle. Im texanischen Houston, am Firmensitz Enrons, hat auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen ihre Regionalbüros, und natürlich war das siebtgrößte Unternehmen der Vereinigten Staaten hier der wichtigste Kunde. Andersen prüfte Enrons Bücher seit fast 20 Jahren, lieferte zusätzlich lukrative Beratungsdienstleistungen, beide Häuser feierten gemeinsame Feste. War das Grund genug, die zweifelhafte Buchhaltung Enrons höflich zu übersehen? Und die gewaltigen Schulden noch dazu, die in merkwürdig benannten Partnerschaften (Chewco, Marlin, Braveheart) an Orten wie den Cayman Islands versteckt blieben? Außerdem 400 Millionen Dollar angeblicher Erträge, die einfach gelogen waren? Jedenfalls wäre das alles offenbar nicht schwer zu entdecken gewesen, das bewies die Enron-Vizepräsidentin Sherron Watkins. Sie schrieb vergangenen August an ihren Chef Kenneth Lay, dass Enron wohl bald "in einer Welle von Buchhaltungsskandalen implodieren" könne. Lay verkaufte übrigens bald darauf kräftig Aktien. Privat, versteht sich.

Ob Enrons Buchhaltungstricks illegal waren oder einfach nur besonders frech, muss sich erst noch erweisen. Doch längst zeichnet sich ab, dass das Problem außer Enron auch etliche amerikanische Konzerne betrifft: Überall in den Vereinigten Staaten scheinen Bilanzen auf ähnliche Weise frisiert worden zu sein. Dem amerikanischen Kapitalismus tut das nicht besonders gut, schließlich müssen getreu der ökonomischen Theorie Unternehmen und ihr Geschäftsgebaren möglichst transparent sein. Sonst wissen Geldanleger nicht, wo sich ihr Kapital am stärksten vermehrt, und investieren falsch. Der Markt versagt. Ob allerdings eine Selbstaufsicht der Unternehmen und ihrer Buchprüfer für Transparenz sorgt oder eine staatliche Aufsichtsbehörde, ist in der Theorie zweitrangig - Hauptsache, es funktioniert.

Über den Misserfolg der Selbstaufsicht bei Enron und seinen Buchprüfern weiß man jetzt mehr als genug. Unklar ist aber, ob Politik und Verwaltung die Sache besser gemacht hätten. Schließlich unterhielt US-Präsident George W. Bush mit dem Enron-Boss ("Kenny Boy") eine besonders herzliche Beziehung. Er war der größte Finanzier der Bush-Wahlkampagne. Fehltritte sind Bush und seinen Ministern bisher allerdings nicht nachgewiesen worden, eher seinen demokratischen Gegenspielern: Clintons ehemaliger Finanzminister Robert Rubin sprach kurz vor dem Skandal zugunsten von Enron vor - unappetitlich, aber erlaubt. Bill Clinton hatte nämlich in seinen letzten Amtstagen noch schnell künftige Lobbytätigkeiten seiner Exkollegen legalisiert.

Überhaupt hatte die hartnäckige Lobbyarbeit Enrons zu Beginn der neunziger Jahre mitgeholfen, dass der amerikanische Energiemarkt drastisch von seinen Vorschriften befreit wurde und dass die Aufsichtsbehörden CFTC und Securities and Exchange Commission (SEC) um den Energiegroßhändler Enron einen Bogen machen mussten. Ein paar Jahre später meldeten sich Enrons Lobbyisten wieder in Washington zu Wort: Sie protestierten gegen geplante schärfere Buchhaltungsregeln (zum Beispiel solche, die versteckte Schulden betreffen). Und in der neuen Regierung saß Enron stets mit am Tisch, wenn über Energiepolitik verhandelt wurde; George Bushs Wirtschaftsberater Lindsey hatte sogar mal einen Beratungsjob bei Enron. "Beim Enron-Fall geht es darum, wie das große Geld öffentliche Entscheidungen beeinflusst", meint der republikanische Abgeordnete Chris Shays - es geht um Amigo-Wirtschaft der amerikanischen Art.

Als Folge der Enron-Pleite entsteht jetzt wohl eine neue Aufsichtsbehörde für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Harvey Pitt, der SEC-Chef, mokiert sich seit ein paar Wochen öffentlich über den "Werteverfall" bei den Prüfern. Vielleicht werden die lukrativen Beratungsverträge der Buchhalter vollständig untersagt, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Vielleicht wird es eine Rotationspflicht für Aufseher geben oder eine Sperre für die Praxis der revolving door - das häufige Abwerben von Aufsehern durch die Unternehmen. Vielleicht wird sogar das amerikanische Buchführungssystem GAAP auf den Kopf gestellt, das der Wirklichkeit in den Unternehmen offenbar nicht mehr gerecht wird. Was auch immer er macht, Harvey Pitt will mehr Staat wagen - damit aus dem Enron-Debakel doch noch eine Sternstunde des amerikanischen Kapitalismus wird.