Der also auch - der brave Zuck, der in den Wäldern von Vermont den Ahornbäumen ihren Sirup abzapfte und nach dem bäuerlichen Tagwerk Des Teufels General niederschrieb, sein Fliegerstück, das so moralfördernd antifaschistisch und doch so seelenerhebend deutsch war - während manche der Exilgenossen, allen voran die Mann-Sippe, Kinder wie Vater, noch das Richtschwert der Kollektivschuld wetzten. In Wahrheit tippte Carl Zuckmayer nächtens nicht nur das Drama, sondern einen "Geheimreport": die Porträts von 150 Schriftstellern, Dichtern, Film- und Theaterleuten, die daheim im Reich geblieben waren - eine Auftragsarbeit für das Office of Strategic Services, das gewissermaßen ein Vorkommando der CIA war. Die Aufklärer wollten wissen, mit wem sich die Alliierten einlassen könnten, wenn das Naziregime einst am Boden läge. Zuck war um Gerechtigkeit und Fairness bemüht, zumal gegenüber einstigen Freunden, aber er scheute den Klatsch und die kleine Lust an der Intrige nicht. Zuck werkte nicht allein: Voller Eifer fertigten viele der Emigranten Charakterskizzen an und lange Listen, die es den künftigen Militärregierungen erleichtern sollten, unter den deutschen Politikern, den Akademikern, den Journalisten, den Künstlern die Spreu vom Weizen zu scheiden.

Unsere nachgeborenen Gewissenswächter fragen besorgt, ob sich denn gar kein Mitglied der schreibenden Zunft keusch von dem USamerikanischen Geheimdienstkraken fernhalten konnte und wollte. Erika Mann, Bruder Klaus und selbst der große Thomas informierten die Sbirren des FBI willig über die Zuverlässigkeit der Mitglieder des Exilantencorps. Wer mag sie dafür schelten? J. Edgar Hoovers Truppe spürte damals vor allem den Kryptonazis und ihrer fünften Kolonne nach; erst im Kalten Krieg warf sie sich mit ihrem ganzen Gewicht (und sehr viel größerer Passion) auf die fellow travellers, die heimlichen und die hard-core commies von Väterchen Stalin. Zimperlich war man, was dies angeht, in angelsächsischen Ländern ohnedies nie: Gälte die Mitarbeit beim Secret Service als Makel, dann müsste die Hälfte aller britischen Autoren, angefangen bei Graham Greene, aus der Heldengeschichte der Literatur getilgt werden. Angesichts des gesellschaftlichen Respektes, den die ersten Kommandeure der CIA genossen, war es nicht weiter erstaunlich, dass sie eine Phalanx freier Geister für die Abwehr der roten "Kulturoffensiven" mobilisieren konnten: Liberale, Exkommunisten, demokratische Sozialisten, antinazistische Konservative sammelten sich um Zeitschriften vom Rang des Monats, die von der CIA auf getarnten Wegen mitfinanziert wurden. Weiß Gott: Niemals hat ein Geheimdienst sein Geld sinnvoller unter die Leute gebracht.

Warum weisen wir dann noch immer mit dem Zeigefinger auf die IM-Gardisten der Stasi? Doppelte Moral? Wessi-Heuchelei? Die Antwort ist einfach: Die Zuträger der Firma Mielke und Co. leisteten ihre Maulwurfsdienste nicht gegen, sondern für ein totalitäres Regime. C'est tout.